Karfreitag - Wenn Gott das Licht ausmacht

Es gibt zwei Augenpaare auf und über dieser Welt, die mich in allen möglichen und unmöglichen Situationen kennen. Das eine gehört dem lieben Gott. Das andere dem Paketboten. Beim Paketboten kann ich nur schlecht damit umgehen, dass ich ihm meistens im ungünstigsten Augenblick der Woche die Tür öffne. Und den erwischt er regelmäßig mit schlafwandlerischer Sicherheit. Wenn ich wirklich gerade eben duschen wollte, aber mein strähniges Haar davon berichtet, dass es bisher beim Wollen geblieben ist. Wenn ich wirklich gerade eben die Garderobe von den Bergen an Matschhosen, einzelnen Schuhen, Dreckklumpen, Stecken und verwelkten Blättern befreien wollte und hoffe, dass er selbst Kinder hat.

In solchen Momenten denke ich mir oft: Wie schön wäre es, wenn es das legendäre Loch im Erdboden doch gäbe! Ich wäre die erste, die es nutzen würde: Kopfüber rein. Licht aus!

Beim lieben Gott geht es mir seit Kindertagen anders. Da finde ich es nicht schlimm, dass er alles sehen kann. Im Gegenteil: Ich glaube das wirklich und finde es nicht im Geringsten unangenehm oder gar demütigend, sondern beruhigend. Ich weiß, dass einer eben nicht die Nase rümpft, die Augen verdreht und mit einem Schulterzucken weggeht: „Wie die heute wieder aussieht! Pfffff…“ Licht aus.

Licht aus – das würde beim lieben Gott gar nicht funktionieren, weil er mich im Gegensatz zum Paketboten auch dann noch sehen kann, wenn ich im finstersten Loch sitze. Und der Unterschied zwischen den beiden ist: Gott ist nicht auf dem Sprung, sondern bleibt gerade dann noch eine Weile da, wenn das Licht bei mir aus ist. Und wahrscheinlich kann ich das gut aushalten, weil ich mir bei ihm sicher bin: Es gibt nichts, was er nicht kennt, kein Elend, das er nicht schon einmal selbst gesehen oder gar selbst erfahren hat, nichts, das ihn abschreckt oder schlecht über mich denken lässt. Licht aus heißt für ihn nicht: Bleib mir bloß fort! Sondern: Sei mir jetzt nah!

In der Karwoche wird mir besonders deutlich, dass ich so von Gott denke, weil er selbst einmal das Licht ausgemacht hat. An Karfreitag. In Matthäus 27,45 steht, dass „von der sechsten Stunde an (…) eine Finsternis über das ganze Land“ kam. Sonne dunkel. Mond dunkel. Licht aus. Überall. In diesen Stunden hat Jesus wohl das erbärmlichste Bild abgegeben, das wir uns von einem Menschen vorstellen können. Und genau dann geht das Licht aus. Nicht, wie bei kleinen Kindern, wenn sie sich verstecken – keiner sieht mich, also bin ich auch nicht mehr da. Gott hat das Licht ausgemacht, damit wir sehen: Selbst das kenne ich! Diesen Moment, wenn es um mich herum kohlrabenschwarz wird. Die Enge, die sich auf das Herz legt. Die Sorge um Leib und Leben. Das Gefühl, es könnte niemals wieder hell werden. 

Das hilft mir in der aktuellen Situation. Gerade jetzt wo im ganzen Land und überall auf der Welt das Licht ausgeht – da ist Gott noch da. Da wo sich Menschen um ihre Gesundheit sorgen, um ihre Kinder oder die Eltern, da, wo Menschen nicht wissen, ob sie im nächsten Monat noch genug Arbeit haben, genug Geld, um die laufenden Kosten zu bezahlen – da ist Gott noch da. Das ändert auf die Schnelle nichts, aber das hat es auf Golgatha auch nicht. Und trotzdem ging die Geschichte für alle Welt gut aus. Dass in dieser Woche ausgerechnet auch noch in den Kirchen das Licht ausgeht, finde ich regelrecht heilsam. Es zeigt mir: Gerade weil diese dunkle Woche auf mich wartet, weiß ich, dass Gott da ist.

In diesem Sinne – machen wir das Licht aus!

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl