Weiter geht's - Gott sei Dank

Er hat mich einfach ausgebremst. Gerade war ich noch beflügelt von einem schönen Gottesdienst mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Alten- und Pflegeheims. Die Posaunenklänge hallten noch in mir nach und ich war voller Vorfreude auf einen freien und gemütlichen Freitagabend. Und dann hat mich dieser Steinblock am Parkplatz einfach aus vollem Lauf heraus ausgebremst. Ich habe ihn beim Ausparken nämlich einfach übersehen. Ganze Arbeit haben der Stein und ich geleistet, denn das Auto war erstmal nicht mehr zu benutzen.

Einfach ausgebremst aus vollem Lauf, eine Erfahrung, die ich – naja, die wir alle – seit einem Jahr immer wieder machen. Immer wenn der Alltag gerade wieder Fahrt aufnimmt und wir den Eindruck haben, ein Stück Normalität käme zurück, kommt wieder ein kleinerer oder ein richtig großer Pandemiesteinblock, der uns ausbremst. Angesichts immer weiter steigender Infektionszahlen ist daher gerade ja die Notbremse in aller Munde, die Vieles im Alltag lahmlegen soll. Gut und gerne würde ich auf diese Bremsmanöver so langsam verzichten. Denn ausgebremst werden ist das eine, wieder Fahrtaufnehmen das andere. Das kostet ganz schön viel Kraft.

Und trotzdem mache ich nun ebenfalls seit über einem Jahr die Erfahrung, dass das Leben um mich herum trotzdem immer wieder Fahrt aufnimmt und sich nicht einfach lahmlegen lässt. Auf diese Erfahrung will ich nun auf keinen Fall verzichten. Sie führt mich nämlich über mich und meine Kraftreserven hinaus. Sie bringt mich dem näher, aus dem all‘ diese unglaubliche Kraft und Lebendigkeit kommen. Sie führt mir vor Augen, dass Gott, ja dass Gottes Liebe und Wille für dieses Leben unermesslich groß ist. Gott brennt dafür und will es erhalten. Daher geht Gott weder Atem noch Kraft aus, um mich immer wieder aufzurichten. Durch Gott bekomme ich Kraft, damit ich wieder Fahrt für das Leben aufnehmen kann. Diese Erfahrung zu machen ist für mich ein großes Geschenk.

Keine Frage: Bremsen und wieder Anfahren bleiben trotzdem ermüdend und kräftezehrend. Da geht’s mir nicht anders als so vielen anderen auch. Und dennoch: mit den Erfahrungen von Lebendigkeit und Kraftfülle vor Augen und im Herzen steht mir heute trotz allem der Sinn nach einem Gotteslob und zwar diesem alten und vielen von Ihnen sicher wohl vertrauten:

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, […] der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.“ (Ps 103, 2-5 in Auszügen)

In diesem Sinne – Lassen Sie sich nicht nur ausbremsen, sondern vielmehr von Gottes Liebe und Kraft wieder in Fahrt bringen.

Ihre Pfarrerin Eva Engelking