„Und dann machsch nen humanizer nei!“

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Wow! Ich dachte, in einem Jahr Pandemie hätte ich die Welt der digitalen Möglichkeiten ganz gut erkundet. Von wegen. Ein humanizer – das was mir wieder neu. Den Tipp habe ich von einem Freund bekommen. Wir haben uns darüber unterhalten, wie man E-Mails automatisch verschicken lässt. Das kann man bei E-Mails, die sich wiederholen, sogar als Serie einstellen. „Und wenn es dann echt aussehen soll, dann machsch nen humanizer nei!“

Ein humanizer ist quasi ein Vermenschlichungsprogramm. Wenn man den einschaltet, dann werden die Mails so verschickt, wie es ein Mensch eben machen würde: Zwar immer am vorgesehenen Tag, aber nicht immer um Punkt 10.00 Uhr. Mal verlässt die Mail dann um 9.23 Uhr das Postfach, dann um 15.14 Uhr oder auch mal um 21.47 Uhr.

In der Musik werden solche humanizer auch eingesetzt. Wenn zum Beispiel ein Schlagzeug automatisch aufgenommen wird, dann baut der humanizer winzige Ungenauigkeiten ein. Diese eine Millisekunde, die ein echter Drummer auch mal verreißt. Den einen Moment, wenn er schleppt oder die Band aus Versehen antreibt, weil er als Mensch halt nicht perfekt ist. Ein humanizer sorgt also bewusst für Augenblicke, in denen wir das Gefühl bekommen sollen: Hier läuft auch nicht alles immer nach Plan, wir sind alle bloß Menschen.

Eigentlich irre, oder? Wir streben nach Perfektion, wir wollen auf keinen Fall in eine peinliche, weil zutiefst menschliche Situation kommen und in der Wirtschaft werden extra Programme erfunden, die uns entgegenhalten: Mensch sein heißt, nicht perfekt zu sein. Und das ist schön! Nicht perfekt zu sein ist schön, weil es das ist, was Menschen zu Menschen macht. Es ist die Möglichkeit, bei Dingen ein klitzekleines bisschen daneben zu liegen. Es ist der Abend, an dem ich mit Freunden skype und sie am Bildschirm zerknautschter aussehen, als wenn wir uns echt getroffen hätten. Im ersten Lockdown habe ich mal ein Video an die Neckarremser Kindergartenkinder verschickt. Ich habe meinen Kindern die Arche Noah-Geschichte vorgelesen und uns dabei gefilmt. Die Rückmeldungen dazu waren nicht inhaltlicher Natur, sondern vor allem die Erleichterung anderer Eltern, dass auch die Pfarrerin müde aussieht.

Die Geschichte von Noah habe ich dabei nicht ohne Grund vorgelesen. Mit der hatte ich nämlich einmal ein echtes humanizer-Erlebnis.

Sie ist mir besonders wichtig, weil ich ihr Ende so wahnsinnig schön finde. Den Anfang kennen alle: Gott sieht, dass selbst ihm die Sache mit der Schöpfung irgendwie aus dem Ruder gelaufen ist. Also beschließt er einen Neustart. Ich sehe ihn fast vor mir, wie er den Plan seiner Schöpfung wütend zusammenknüllt und in die Ecke pfeffert. Weg damit! Was nicht perfekt ist, darf gar nicht sein!

Was dann folgt, ist bestens bekannt: Wasser, richtig viel und richtig lang.  Als endlich Land in Sicht ist, atmet die Besatzung auf. Und Gott auch. Ab jetzt wird alles anders. Diese Crew soll es besser machen.

Aber Gottes humanizer-Moment lässt nicht lange auf sich warten. Und das ist für mich der Höhepunkt der Geschichte. Am Ende lesen wir einen Vers, mit dem die Erzählung schon angefangen hat:

Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. (1. Mose 8,21)

Und genau damit ging alles los! Lesen Sie mal 1. Mose 6,5. Nichts ist anders, aber auch gar nichts. Die Menschen bleiben alte Halodris, sie geben sich Mühe und verpfuschen dann doch wieder was. Sie sorgen oft gut füreinander, aber machen sich mindestens genauso oft das Leben schwer. Nichts Neues unter der Sonne.

Viele Menschen hadern mit der Geschichte, weil sie einen Gott zeigt, der nicht perfekt ist. Und genau dafür liebe ich sie. Was ist das für ein Gott, der jähzornig die Menschheit ausrottet? Was ist das für ein Gott, der lernen muss: Die Menschen sind nicht ganz so geworden, wie sie gedacht waren? Für mich ist es ein Gott, der mich erleichtert. Ich bin so froh über das Ende der Noahgeschichte. Ich erlebe darin einen Gott, der nicht allwissend ist. Einen Gott, der die Menschen so sehr liebt, dass er ihnen die Freiheit gibt, eigene Entscheidungen zu treffen. Und ich sehe darin einen Gott, der erst lernen muss: Die Entscheidung der Menschen kann auch gegen ihn ausfallen. Seine erste Reaktion ist unbändige Wut und für manche ist das der Moment, in dem Gott nicht mehr zu halten ist. Erst weiß er nicht alles und dann noch so eine Reaktion!

Für mich ist das der Moment, der alles verändert. Auch meine Sicht auf Gott. Mit der Sintflut hat er einen Neustart gemacht und ist gescheitert. Auch nach der Flut muss er einsehen: Hier läuft nicht alles nach Plan, es sind alles bloß Menschen. Aber dann besinnt er sich auf das Wesentliche, auf sein Wesen. Und er selbst baut in seine Vision von einer guten Welt den humanizer ein: Vergebung, Liebe und Nachsicht. Gnade nennen wir das. Diese Momente, in denen Gott über alle meine Fehler hinwegsieht. Die Augenblicke, in denen ich haarscharf oder kolossal danebenliege und trotzdem nichts zu befürchten habe. Selbst wenn ich es niemals schaffen werde, mich zu ändern, er konnte es. Deshalb kann er mit mir leben. Und das ist der Grund, warum ich mit ihm leben will.

In diesem Sinne – auf die Veränderung!

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl