Stoßgebet

privat

Die ganz große Freiheit, die findet man selbst in Cannstatt nicht. Zumindest für einen oder eine hat es nicht ganz gereicht. Da hat jemand versucht, an prominenter Stelle ein Graffiti zu hinterlassen und wurde dabei rüde unterbrochen. Ich weiß auch nicht, von wem: von der Polizei vielleicht, vom empörten Hausbesitzer, von einer schwäbischen Hausfrau bei der Kehrwoch‘. Ich stehe der Freiheit gegenüber an der Ampel und stelle mir vor, wie jemand kurz vor Schluss davonflitzt. Er hat was gewagt, aber es hat nicht gereicht. So groß war die Freiheit dann doch nicht.

Ich frage mich, wie es mit der FREIHE weiterging. Immerhin ist sie ja inzwischen fertig. Aber wer hat das Ende da so hinimprovisiert? Kam der Künstler zurück? Aber warum fällt dann das Ende so klein aus, in anderer Schrift und Farbe, mit i-Tüpfelchen und vorne nicht? Das muss jemand anderes gewesen sein. Jemand, der genau gesehen hat, was zu guter letzt noch fehlt.

Ich frage mich: Wie ging es dem Freiheitskämpfer, als er unterbrochen wurde? War er in Panik als ihm die Cannstatter Streife auf den Fersen war? Hat er mit einem genervten Seufzen das Weite gesucht: „Shit! Nur noch zwei Buchstaben!“ Ist er wiedergekommen? Oder hat er sich damit abgefunden, dass manche Dinge nicht perfekt werden?

Wenn er wiedergekommen ist, was dann? Womöglich musste er grinsen, so wie ich. Weil er sich über die stille Komplizenschaft gefreut hat.

Den Wunsch nach Freiheit spüre ich auch sehr. Aber ich wäre nie so keck, ihn an Hauswände zu schreiben. Ich lamentiere lieber bei Freunden darüber, dass immer noch so vieles nicht geht, ich vertraue meiner Familie meine Träume an oder ich bete. Zur Zeit oft etwas ratlos und meistens auch mit einem Seufzen. Die große Freiheit, die neue Normalität – irgendwie wird sie nicht fertig. Immer öfter schließe ich dann mit einem Achselzucken: „Ich lass das jetzt so!“

Manchmal komme ich dann auch zurück zu meiner Resignation und sehe: Da hat jemand weitergeschrieben. Ein stiller Komplize. Ich weiß gar nicht wann und woher er wusste, dass ich mir das wünsche, aber auf einmal ist aus dem Halben, etwas Ganzes geworden. Ohne, dass ich noch etwas dafür tun musste. Dann wundere ich mich erst und freu mich dann. Da versteht einer, was ich will und zeigt mir das heimlich: „Das meinst, du gell? Versteh ich gut. Ich hab mal weitergemacht. War hoffentlich okay.“

In der Bibel ist dieser stille Kumpan der Heilige Geist. Im Römerbrief steht:

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.Römer 8,26

 

Ich glaube, dass wir nicht mal den Anfang unserer Wünsche und Träume hinschreiben müssen. Gottes Geist kennt sie schon. Allein durch die Art, wie wir seufzen. Ach, Freiheit! Gesundheit. Ein sicherer Job. Unbeschwert sein. Mal wieder feiern gehen. Das alles hört er raus und schreibt das Ende fertig.

Oft beschreiben wir den Geist als die Kraft, die uns fehlt. Und wenn er vorbeikommt und uns anweht, dann werden wir wieder zuversichtlich und mutig. Das klappt aber halt auch nicht immer. Oft genug, bin ich gerade mitten drin im Träumen oder Auftanken, dann kommt wieder was dazwischen und ich flitze davon. „Na gut, ich lass das jetzt so. Muss ich halt ein andermal weitermachen. Oder nie.“

Der Vers aus dem Römerbrief zeigt einmal eine andere Facette. Der Geist seufzt mit. Er kommt nicht einfach über mich, macht mich wie durch Zauberhand stark und weht dann weiter seiner Wege. Wenn man Paulus glaubt, dann macht er sich zum Kompagnon. Er checkt kurz, ob er das richtig verstanden hat, meine Wünsche und Hoffnungen. Freiheit, gell? Die wünschst du dir?

Und dann bringt er unser Seufzen vor Gott. Keine Druckbetankung mit Himmelskraft, sondern echtes Mitgefühl und Beistand. Er wird mein Sprachrohr und gibt meinem Sehnen Nachdruck. „Sag mal Gott, hörst du die? Siehst du, das sie braucht?“ Er selbst spürt genau, was ich brauche: Mal Kraft und mal nur ein verbündetes Seufzen. Ein gemeinsames Müdesein, ein Einfach-nur-da-Sein, stummes Verstehen.

In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass der Geist dann mit einem freundlichen Nicken weiterzieht. Und ich bleibe zurück in dem Wissen: Da spielt einer in meinem Team! Er macht mein Seufzen fertig, er hakt sich bei mir ein, ohne mich vorwärts zu ziehen.

Und obwohl er nur da ist und noch gar nichts tut, spüre ich: Irgendwann werden sie fertig sein, meine Träume.

Und dann wird er mir zuzwinkern und sagen: „Das haben wir gut hingekriegt, oder?“

In diesem Sinne – niemand seufzt für sich allein!

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl