Stichelei mit gutem Ende

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Letzte Woche wurde ich von einer Wespe in die Hand gestochen! Ja wirklich: im November - morgens um 8 Uhr - in unserem Treppenhaus. Dieser Stich hat mein morgendliches Programm ganz schön durcheinandergebracht. Auf den Schreck habe ich mich nämlich erstmal aufs Sofa gesetzt und meine Hand gekühlt. Das hat schnell Wirkung gezeigt: Die Einstichstelle an der Hand hat dann auch schon bald nicht mehr geschmerzt. Und zum Glück reagiere ich nicht allergisch auf Wespenstiche. Dennoch blieb etwas zurück: diese stachelige Wespenbegegnung hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, wie Sie merken. Völlig unerwartet hat mich diese Wespe erwischt – unerwartet zu dieser Jahreszeit, dieser Uhrzeit und an diesem Ort. Das Ausfahren ihres Stachels hat mich zur Unterbrechung gezwungen. Und das hatte wiederum etwas Gutes für mich: ich merkte, dass dieser Morgen hektischer begonnen hatte als sonst. Ich selbst war innerlich in Unruhe und so wurde ich gezwungen, mir dies einzugestehen und mich auf die Suche zu machen, woran das liegen könnte.

An diesem Tag stach mich dann gleich noch einmal etwas: diesmal war es keine Wespe, sondern es waren ein paar Worte.

In einem Artikel, den ich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Chrismon“* entdeckte, wurde eine Mitsechzigerin befragt, wie es ihr in diesen Corona-Zeiten und den damit verbundenen Einschränkungen geht. Im Gespräch spricht sie offen darüber, dass ihr der enge Kontakt zu Freunden und Familie fehlt.

Ihr Fazit für die kommende Zeit bleibt aber dennoch sehr zuversichtlich. In diesem Zusammenhang zitiert sie folgende Stelle aus dem 2. Petrusbrief:

„Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.“ (2.Petrus 3,8)

Und genau jetzt werde ich das zweite Mal an diesem Tag gestochen. Es passiert beim Lesen dieses Bibelverses. Es irritiert mich, ja es stört mich sogar ihn an dieser Stelle und im Zusammenhang mit dieser Fragestellung zu lesen. Ich gehe diesem Stechen also auf den Grund und lese den Bibelvers in seinem Kontext: Ich erfahre, dass diese Worte eine Antwort auf die drängende Frage sind, wann sich denn endlich Gottes Versprechen erfüllen; ja, wann Christus denn endlich wiederkommt, in dieser Welt aufräumt und alles zu einem guten Ende bringt. Für den Verfasser des Briefs ist klar: darauf gibt es keine Antwort, wie wir sie uns wünschen. Gott hält sein Versprechen, aber Gott hat andere zeitliche Maßstäbe wie wir. Im Blick ist Gott dabei nur unser Wohl.

So gelesen wird dieser Satz zu einer Ermutigung gerade in schwierigen Situationen die Perspektive zu wechseln, mit Gottes Augen drauf zu schauen und dadurch Abstand zu bekommen:

„Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.“ (2.Petrus 3,8)

Dieser Abstand birgt Gutes für uns. Er macht ein wiedererstarken des Zutrauens in Gott und seine Zusagen möglich. Dieser Perspektivwechsel macht zuversichtlich und hoffnungsvoll. Bei der Dame im Chrismonartikel ist diesem Bibelvers genau das gelungen.

Mich sticht er ehrlich gesagt noch etwas, aber schon etwas weniger als zu Beginn. Nach meiner Erfahrung mit dem Wespenstich, aber vor allem nach meinen Erfahrungen mit anderen Bibelworten, die mich schon herausgefordert haben, kann ich es gerade gelassen annehmen.  Manchmal sticheln Gottes Worte, aber immer mit einem heilsamen, einem unserem Wohl dienenden Ziel.

In diesem Sinne – Lassen Sie sich ruhig von Gottes Wort etwas sticheln. Denn diese Stiche nehmen immer ein gutes Ende!

 

Ihre Pfarrerin Eva Engelking