Schöner Scheitern

Liebe Oma, ich weiß, du liest hier auch mit, deshalb warne ich dich vor: Du musst heute echt tapfer sein. Es geht nämlich ums Versagen. Besser gesagt um mein Versagen. In der Küche. Beim Backen. Und um meine dilettantische Rettung einer schier ausweglosen Situation. Diese Warnung gilt auch für alle anderen passionierten Bäckerinnen und Bäcker oder für die Perfektionisten im Allgemeinen. Es wird schlimm. Wirklich.

Letzte Woche habe ich eine Glanzleistung in Sachen schöner Scheitern abgeliefert. Und das ausgerechnet bei den Vorbereitungen zu Avas Kindergeburtstag. Jeder weiß: Der Kindergeburtstag – das ist ein heiliger Moment. Ein Tag, der über Anerkennung und Ruhm im Kindergarten entscheidet. Schon der Auftakt muss sitzen. Der Kuchen. Und den hab ich versaut. Aber so richtig. Am Vorabend habe ich gebacken, einen ganz ordinären Schokorührkuchen. Bei dem kann nichts schiefgehen. Haha! Denkste. Noch immer ist mir schleierhaft, wie ich es geschafft habe, dass er außen gut war und innen komplett flüssig geblieben ist. Die Stäbchenprobe habe ich gewissenhaft durchgeführt – ich bin ja keine blutige Anfängerin. Und trotzdem ist mir das gute Stück zerbrochen und auf der Arbeitsplatte zerflossen. Spätabends um zehn. Die Nerven lagen blank, denn ich wusste: Für einen zweiten Kuchen fehlen mir heute Abend die Eier und morgen früh die Zeit. Dramatische Szenen spielten sich vor meinem inneren Auge ab: Entweder ich sah meine Tochter mit rotgeweinten Augen vor mir oder mich selbst mit schweißnassen Haarsträhnen im Gesicht, dem Handy ans Ohr geklemmt, beim verzweifelten Versuch, ein neues Meisterwerk und meine dienstlichen Termine zu vereinbaren.

Und dann sagte mein Mann, der alte Fuchs, die erlösenden Worte: „Wir haben doch noch zwei gekaufte Rührkuchen im Keller. Für den Notfall. Wär das jetzt nicht einer?“

Jawohl, wenn das kein Notfall ist, was dann? Ich nahm all meinen Mut zusammen, packte die beiden Kuchen aus und begann zu zaubern: Der Zitronenkuchen wurde mit Zuckerguss, der Schokokuchen mit Vollmilchkuvertüre neu glasiert – dicker als üblich – und all die Streusel, Dekoblümchen und Gummibärchen, die auf den richtigen Kuchen gehört hätten, fanden hier ein neues Zuhause.

An diesem Abend war ich verzweifelt genug, alle Gedanken an „die anderen“ über Bord zu werfen. Was werden die anderen Mütter bloß von mir denken? Was die anderen Kinder, wenn sie die Sparversion von einem Geburtstagskuchen essen müssen? Ich war bereit, ganz dünne Bretter zu bohren und das zu tun, was mir das Leben leichter macht. Das hat mich Überwindung gekostet. Aber es war eine richtig gute Entscheidung.

Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. Matthäus 5,48.

Wenn ich diesen Satz aus dem Matthäusevangelium höre und dann an meine Sternstunde in der Küche denke, dann ziehe ich unwillkürlich das Genick ein. An diesem Abend war ich vieles, aber nicht himmlisch vollkommen. Und auch sonst bin ich es oft genug nicht. Statt perfekt bin ich müde, ratlos, verzweifelt oder unsicher, ich koche nur mit Wasser und hoffe, dass hin und wieder auch weniger gut genug ist. Was mich in solchen Momenten rettet, ist die Gewissheit: An einem gekauften Kuchen hängen weder die Zukunft meiner Tochter noch meine Würde. Ich bin nicht erst dann vollkommen bin, wenn ich alles perfekt mache.

Und genau so ist auch dieser Vers gemeint. Matthäus steht nicht mit Trillerpfeife und Stoppuhr an der Rennbahn des Lebens und treibt mich an: „Du sollst vollkommen sein! Noch vollkommener! So vollkommen wie Gott!“

Ich glaube: Das „sollen“ ist kein Anspruch, sondern ein Versprechen: Eines Tages sollt ihr vollkommen sein. Und ihr werdet es sein, weil ihr ja schon von Anfang an so gedacht seid. Ich bin davon überzeugt: Gott hat uns als Menschen erschaffen, die im Leben nicht perfekt, aber im Tiefsten ihrer Seele vollkommen richtig sind. Vollkommen, weil wir nach seinem Bild geschaffen sind.

Das zu glauben, kostet manchmal echt Überwindung. Gerade dann, wenn ich beobachte, wie ich mich so durchwurschtle. In solchen Momenten tut es mir besonders gut, daran erinnert zu werden, dass ich eines Tages vollkommen sein werde und dass genau diese Vollkommenheit jetzt schon dafür sorgt, dass ich rundum mit mir zufrieden sein kann. Ich weiß, dass ich eben nicht perfekt sein muss, weil Gottes Blick auf mich viel liebevoller ist, als mein eigener.

In diesem Sinne – Mut zum „schöner Scheitern“!

Ihre Pfarrerin Isaela Bigl