Ringpause

Ich trau mich kaum, das laut zu sagen, aber ich schaue total gern Boxkämpfe an. Damit mir das nicht ganz so peinlich ist, berufe ich mich auf eine genetische Veranlagung: Offensichtlich hat mir meine Urgroßmutter diese Vorliebe in die Wiege gelegt. Wenn bei meinen Großeltern ein Boxkampf im Fernsehen lief, dann tigerte sie leise schimpfend über diese Barbarei durchs Wohnzimmer, um sich irgendwann doch fasziniert auf dem Sofa niederzulassen.

Über das Bild bin ich zufällig gestolpert und bestimmt hat es mich angesprochen, weil eben ein Boxer darauf zu sehen ist. Im Römerbrief schreibt Paulus: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Rö 12,21). Der Boxer sieht nicht so aus, als hätte er das schon verinnerlicht. Seinen Gegner wird er wohl kaum mit Luftküssen, sondern eher mit einem Kinnhaken in die Knie zwingen.

Ich denke, da ist er nicht allein. Ich nehme wahr, wie auch um mich herum, das Maß an Aggressivität langsam zunimmt. Im echten Lockdown war die Situation so ernst und die Regeln so klar, dass einem nichts anderes übrigblieb, als sich daran zu halten. Jetzt zeigt sich, dass es keine schnelle Normalität geben wird. Womöglich wächst genau deshalb der Wunsch danach so sehr – die Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem. Immer lauter werden die Rufe nach Lockerungen, die noch weitergehen, immer stärker der Wunsch, endlich wieder große Feste feiern zu können, nirgendwo Maske tragen zu müssen, nicht eingeschränkt zu sein. Kurz: diese elende Situation soll doch endlich aufhören! Und ich nehme wahr, wie der Ton schärfer wird; wie Menschen sich bewusst gegen Regeln auflehnen und es im schlimmsten Fall sogar in handfester Gewalt endet. Ich höre, wie sie ihrem Frust Luft machen, den Ärger über die „blöden“ Masken und „diesen ganzen beschissenen Coronamist“ rauslassen.

Wenn ich an den Anfang der Krise zurückdenke, dann war die Antwort der Kirchen auf den Frust meistens: Hoffnung! Alles wird gut! Das Motto des Regenbogens prangt noch an vielen Fensterscheiben. Ehrlicherweise muss ich aber auch zugeben: An manchen Stellen wurde mit der Hoffnungsnummer so manches niedergebügelt. Sorgen und Ärger sollten möglichst schnell wieder aus der Welt geschafft werden.
Manchen ging das zu schnell. Und deshalb halte ich mich heute zurück. Ich sage nicht: „Auch dieses Böse überwinden wir mit Gutem, mit der Hoffnung, dass alles wieder gut wird.“ Heute sollen Enttäuschung und Wut im Vordergrund stehen. Ich sehe es als eine meiner Hauptaufgaben als Pfarrerin, das Hoffnungsfähnchen unermüdlich zu schwenken. Aber eben nicht immer mit derselben Inbrunst. Nicht, wenn um mich herum gerade die Nerven blank liegen. Dann ist es an der Zeit, auch diesen Gefühlen einen Platz bei uns zu geben.
In der Bibel haben sie den nämlich auch. In Psalm 88 zum Beispiel. Da schreit ein Mensch Gott seine ganze Wut entgegen: „Ich habe es satt, so erbärmlich zu leiden! Mein Auge mag dieses ganze Elend nicht mehr sehen.“ Und das Überraschende ist: Er kriegt die Kurve nicht mehr, die Kurve hin zur Hoffnung. Das würde man ja in der Bibel erwarten. Dass am Ende noch ein Halbsatz steht à la „aber du rettest mich!“ Fehlanzeige. Stattdessen: „Du hast Freund und Nachbar von mir entfernt. Meine Vertrauten sind fort – Finsternis!“ Poah, das hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.
Ich spüre, wie gern ich sagen würde: „Wird schon alles gut!“ Und wie schwer es mir selbst fällt, dieses Ende auszuhalten. Diesen Zorn einfach stehen zu lassen und anzuerkennen, dass das Leben manchmal richtig schlimm sein kann. Der Psalm zeigt mir: Auch das gehört dazu. Nicht jedes Böse kann ich sofort mit dem Guten überwinden.
In Psalm 88 finde ich aber einen Weg, damit umzugehen. Und ich entdecke ihn genau im Auge des Sturmes, da, wo alles unerträglich klingt. Exakt nach der Hälfte des Psalms kommt völlig unvermittelt: „Jeden Tag rufe ich zu dir, Herr. Ich breite meine Hände aus zum Gebet.“ Danach – und das finde ich so erleichternd ehrlich – ändert sich einfach gar nichts. Wir sehen: Eigentlich weiß der Arme, was ihm sonst hilft, nur geht deshalb nicht gleich die Sonne mit zarten Streichern über ihm auf.
Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass ich die christliche Hoffnung als Grundhaltung in meinem Leben brauche. Aber manchmal muss sie sich im Hintergrund halten, damit auch das Schwere meine Aufmerksamkeit bekommt. In einer Pandemie, nach dem Tod eines geliebten Menschen oder nach einer gravierenden Diagnose, da gibt es auch für Christen keinen schnellen rechten Haken, der die Gegner K.O. haut. Solche Wegstrecken brauchen viel Kraft und Geduld.

So wird das auch mit der Coronakrise sein. Ich zweifle nicht daran: „Das Böse“, das uns gerade so nervt, das werden wir auf lange Sicht mit etwas Gutem überwinden und ich glaube, das geht nur mit Gott. An seiner Hand gehe ich durchs Leben und mit ihm rede ich, wenn ich die Hände falte. Und beides geht nicht mit Boxhandschuhen. Dann geht es überhaupt nicht mehr darum, wer gewinnt: gut oder böse? In so einer Situation geht es um Zeit. Die muss ich mir nehmen, um die Boxhandschuhe auszuziehen und die Bandagen darunter abzuwickeln. Das macht mich zwar verwundbarer, weil ich dann meine Deckung fallen lasse, aber vor allem macht es mich frei. So kann Gott meine Hand nehmen, und ich spüre, dass ich selbst im Bösen nicht allein bin.

In diesem Sinne – Ringpause!

Ihre Pfarrerin

Isabella Bigl