Re-Start 2021

Sonntag, 7 Uhr, Pfarrhaus Neckarrems: das neue Jahr hat 15 Tage auf dem Buckel und ich habe einen Geistesblitz. Auf einmal bin ich hellwach. Wachgerüttelt hat mich die Erkenntnis, dass das Jahr im vollen Lauf ist und ich mir so gar nichts vorgenommen habe. Ich habe nicht einen Vorsatz getroffen; nicht einmal den, dass ich mir nichts vornehme. „Na, und? Ich auch nicht!“, denkt sich nun der eine oder die andere. Aber mich treibt es seither um. Nicht unbedingt wegen der Vorsätze: die hätte ich vermutlich schon längst über Bord geworfen. Es treibt mich um, weil ich mich frage, wie das eigentlich gekommen ist. Für mich ist es schon lange Tradition, dass ich um den Jahreswechsel herum innehalte und wenigstens einen kurzen Jahresrückblick für mich mache und dann bewusst in das neue Jahr starte. Wieso also nicht an der Schwelle von 2020 zu 2021? Lag es nur an den Jahreswechseltraditionen, die in diesem Jahr nicht stattfinden konnten, wie das gemütliche Raclette-Essen mit Freunden? Lag es an einer gewissen Lockdown-Erschöpfung? Oder habe ich 2021 einfach automatisch unter Corona-Jahr 2.0 verbucht und damit bereits abgehakt?

Ich vermute von allem ist ein Bisschen was dran. Und das macht mich Mitte Januar wehmütig. Denn 2020 war für mich keineswegs ein verlorenes Jahr, das es so schnell wie möglich abzuhaken galt. Im Rückblick sehe ich erst, was in diesem Jahr alles los war und sich vor allem auch an Schönem und Erinnerungswürdigem ereignet hat - trotz Pandemie. So war ich zum Beispiel so viel, wie in keinem anderen Jahr draußen im Freien und an der frischen Luft. Das Lagerfeuer haben wir als Familie entdeckt, ebenso wie Camping im Garten. Unser Sohn hat die ersten Schritte und ersten Worte gemacht. So manche Freundschaft hat sich in diesen Monaten der Distanz als stark und verbindlich herausgestellt. Und auch für unsere Umwelt hat es die ein oder andere positive Entwicklung mit sich gebracht, so zum Beispiel, dass weniger CO2 in die Luft geschleudert wurde. Relativ leicht könnte ich diese Liste nun weiterführen.

Damit will ich keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass es nicht auch Zahlreiches gab, auf das ich gut und gern 2020 verzichtet hätte. Ich war oft müde, angestrengt, genervt und auch sorgenvoll angesichts der Pandemie und so mancher politischen Entwicklung. Und ich bin es auch im neuen Jahr wieder. Trotzdem möchte ich dem Jahr 2021 eine Chance geben und starte daher noch einmal bewusst hinein. Auf einen typischen guten Vorsatz nach dem Motto „Ich nehme mir vor, mehr Sport zu machen, weniger Süßes zu essen, weniger am Handy zu sein.“ verzichte ich. Stattdessen suche ich mir ein persönliches Jahresmotto.

Ich werde schließlich fündig bei einem meiner Lieblingspsalmen. Und zwar Psalm 31, Vers 9. Dort betet einer und ruft heraus: 

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Ps 31,9b)

Dieser Vers hat mir schon oft aus dem Herzen, bzw. ins Herz gesprochen und tut es gerade jetzt wieder vor diesem noch ungewiss vor mir und uns liegenden Jahr 2021. Der Mensch, der diese Erfahrung mit uns teilt, lebt ebenfalls in unsicheren, bedrohlichen und Angst machenden Zeiten. In seinem Gebet benennt er offen, dass seine Seele in Not ist, dass er allen Grund zu Kummer, Sorge und Seufzen hat. Dieser Alltagserfahrung stellt er nun eine Glaubenserfahrung entgegen. Für ihn ist gerade in dieser Situation Gott Haltgeber und Beschützer, aber auch Raumgeber:

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Ps 31,9b)

Mein Jahresrückblick bestätigt diese Erfahrung des Psalmbeters: der weite Raum war da, überall da, wo Neues, Kreatives, auf Hoffnung Basierendes entstanden ist. Der weite Raum ist da, wo Dankbarkeit über das gegenwärtig-Mögliche entsteht. Und der weite Raum wird da sein, wo wir weiter in die Zukunft planen – im Wissen, dass wir nichts sicher planen können und im Vertrauen, dass Gott uns gerade dann beisteht, uns Kraft für die Planänderungen geben wird und uns neue Wege aufzeigen wird.

Ich nehme mir nun also vor, diesen Bibelvers als Jahresmotto so lange wie möglich zu bewahren und den weiten Raum im Blick zu behalten – soweit das überhaupt geht. Denn ja ich bin überzeugt: Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum – auch wenn wir es erst im Nachhinein merken. Gott will uns damit zeigen: ihr seid mehr als die äußeren Umstände es euch gerade auferlegen.  

In diesem Sinne – Viel weiten Raum, sowohl in uns als auch um uns herum, wünsche ich uns allen für die kommenden Wochen und Monate!

Ihre Pfarrerin Eva Engelking