„Not macht erfinderisch, Kind.“

Oft habe ich diesen Satz meiner Oma in den vergangenen Wochen im Ohr. Dass darin einige Lebenserfahrung liegt, ahnte ich wohl immer. Nun mache ich – notgedrungen -  meine eigenen Erfahrungen mit diesem allseits bekannten Satz. Und ich stelle fest: Ja, es stimmt, Not macht tatsächlich erfinderisch. Zurzeit tun sich ja viele Nöte auf. Egal, wen ich frage, jeder und jede zählt mir auf, welche Nöte, welche Sorgen sich eingestellt haben. Der „normale“ Alltag ist weggebrochen. Von dem „Normalen“ ist nicht mehr viel geblieben. Der Einkauf im Supermarkt ist zum Highlight geworden. Wer hätte das gedacht?

Doch ich merke: Dieses „Highlight“ reicht nicht mehr. Ich sehne mich nach dem alten, gewohnten Leben zurück. Angetrieben von dieser Sehnsucht machte mich die Not erfinderisch:

Warum nicht den Konzertsaal ins Wohnzimmer holen? Mein Lebenspartner und ich machten uns schick: Stimmten uns farblich passend aufeinander ab, so wie es sich für einen guten Konzertbesuch gehört: Ich mein rotes Kleid, er sein weißes Hemd. Und los gings. Der frischgepresste Orangensaft in der „Konzertpause“ durfte natürlich nicht fehlen. Und auch der Applaus erklang an den richtigen Stellen. Wir genossen das Europakonzert, gespielt vor einem leeren Konzertsaal in der Philharmonie Berlin. Wunderschöne Töne erklangen mitten in meine Lage hinein. Sie stillten ein wenig diese Sehnsucht nach Normalität. Und sie taten noch etwas anderes: Das berühmte Adagio von Samuel Barber, die Hymne der Trauer, wie sie genannt wird, die in diesen Tagen in Spanien überall erklingt, holte mich ab in meinen Gefühlen: Die Melodie trug mich hindurch bis am Ende fröhliche, hoffnungsvolle Töne in Gustav Mahlers 4. Symphonie erklangen. Und ich merkte: Ein Knoten löste sich in meiner Brust.

Da tauchte ein Bild vor mir auf: Paulus und Silas sitzen im Gefängnis. In der Apostelgeschichte heißt es: „Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott.“ Die Not macht auch sie erfinderisch. Isoliert sitzen sie in ihrer Zelle. Sie sind abgeschnitten von jeder Normalität. Was ihnen bleibt ist ihr Glaube. Und sie beten, sie singen sich von ihren Ängsten, von ihrer Not frei. Ihr Gotteslob lässt die Erde beben. Ihre Fesseln lösen sich, die Türen öffnen sich. Sie sind frei.

Und auch ich stehe auf von meiner Couch und bin – zumindest für den Moment – befreit, denn Not macht eben erfinderisch.

In diesem Sinne: Bleiben Sie erfinderisch!

Ihre Vikarin Ann-Kristin Scholl