Nochmal und nochmal

Glaubt man unserem Dreikäsehoch, dann kamen schon Abraham und Sara in den Genuss von Milka. Nach David und Goliath – „weil der da so stirbt, mit Blut!“ – führen die beiden momentan die Hitparade der Kinderbibelgeschichten an. Morgens hatte ich die Geschichte wieder mal vorgelesen: Abraham und Sara müssen in hohem Alter noch einmal umziehen und bekommen dann die doch überraschende Nachricht, dass Sara mit sage und schreibe 90 Jahren zur Erstgebärenden werden soll. Darüber lacht sie erstmal schallend.

Losprusten mussten wir abends dann auch, als die „Lernkontrolle“ beim Abendessen ergab, dass Sara sich in der Erinnerung unseres Sohnes über etwas ganz anderes gefreut hat. Vom Papa gefragt, wie die Geschichte ausging und was Sara denn Schönes bekommt, legte der Junior die Stirn angestrengt in Falten, um dann in einem Moment fröhlicher Erleuchtung zu jubeln: „Die kriegt… Luftschokolade!“ Am Nachmittag hatte er sich ein Ripple Milka Luflée auf der Zunge zergehen lassen und seine Freude darüber jetzt kurzerhand mit der guten alten Sara geteilt.

Für alle, die nicht so bibelfest sind, sei gesagt: Is‘ natürlich Quatsch. Statt Schoki wird Sara einen Sohn bekommen und die Geschichte werde ich wohl nochmal erzählen müssen. Und vielleicht auch nochmal. Und nochmal.

 

Wiederholungen sind wichtig – die schönen und leider auch die lästigen. Schöne Wiederholungen sind Hochzeits- oder Jahrestage, das gemeinsame Abendessen mit der Familie jeden Tag, oder das jährliche Wandertreffen mit Freunden – immer am selben Herbstwochenende. Manchmal sind Wiederholungen notwendig, wenn man zum Beispiel noch bis in die Nacht Formeln für eine wichtige Prüfung auswendig lernt. Hin und wieder sind Wiederholungen Geschmackssache, wie bei moderner Lobpreis-Musik. Und oft genug sind Wiederholungen einfach ätzend. Wenn man Kinder erzieht und alles zum 1000. Mal sagt, oder wenn man in einem zweiten Lockdown landet.

Da hätte ich nicht unbedingt eine Wiederholung gebraucht. Ich spüre, wie mich das in unterschiedlichen Bereichen frustet. Wir als Kirche, die Kulturschaffenden oder die Sportvereine haben sich ein Dreivierteljahr größte Mühe gegeben, wirklich gute Schutzkonzepte zu entwickeln und trotzdem müssen wir wieder fast überall das Licht ausmachen. Das enttäuscht mich, weil ich gehofft hatte, dass es anders kommt.

Aber ich trage die Einschränkungen mit, weil ich sehe, dass die aktuellen Zahlen sie notwendig machen. Dann nervt es mich, dass es mit den AHA-Regeln offensichtlich so ist, wie mit den Gummistiefeln, die jeden Tag kreuz und quer im Flur landen: Da kannsch dir den Mund fusselig reden – es gibt halt immer welche, bei denen es noch nicht angekommen ist. Man sagt was, geht weg und schon ist es allen wieder schnurz.

 

Paulus kannte dieses Gefühl. Ich bewundere ihn dafür, dass er für das, was ihm wichtig war, ununterbrochen durch die Welt gezogen ist. Wie viele Gemeinden hat er auf seinen Reisen gegründet? Wie viele Menschen begeistert und für den Glauben gewinnen können? Und wie oft muss er entnervt die Augen verdreht haben?

Nicht nur einmal kam es vor, dass er eine ehemals vielversprechende Gemeinde ein zweites Mal besucht hat und dort im besten Fall Gleichgültigkeit, im worst case das blanke Chaos vorgefunden hat. War er da, konnte er mit seinem Charisma die Menschen bei der Stange halten. War er weg, hat der mühsame Alltag viele Christen damals entmutigt und resignieren lassen. Paulus muss mit jeder Faser seines Herzens davon überzeugt gewesen sein, dass er für die eine gute Sache kämpft und dass es sich deshalb lohnt, alles immer nochmal und nochmal zu wiederholen. Menschen wieder zu ermutigen, sie nochmal anzufeuern, sie auch zum 7. oder wenn´s sein muss eben auch zum 7 mal 70. Mal zu überzeugen!

 

In seinem Brief an die Christen in Galatien schreibt er:

Lasst uns daher nicht müde werden, das Richtige zu tun. Denn wenn die Zeit da ist, werden wir die Ernte einbringen. Wir dürfen nur nicht vorher aufgeben. (Galater 6,9)

 

So einen Paulus kann ich auch brauchen. Einen, der mir nochmal zeigt, dass sich für die wirklich wichtigen Dinge immer nochmal eine Ehrenrunde lohnt. Das fängt bei den eigenen Kindern an, denen ich dann nicht mit mütterlichem Frust, sondern mit der liebevollen Zuversicht begegne, dass sie schon jetzt wunderbare Menschen sind und – jenseits aller Gummistiefel – noch ein enormes Potential in sich tragen. Das geht weiter bei meinem Ehrenamt, das meine Nerven manchmal auf eine harte Probe stellt. Wenn elendig lange Sitzungen den Blick auf das versperren, wofür man eigentlich angetreten ist. Dann braucht es jemanden, der die ursprüngliche Vision wieder zum Leuchten bringt. Und das gilt auch für den aktuellen Lockdown. So schwer es uns jetzt fällt, alles wieder umzuplanen und über den Haufen zu schmeißen: Lasst uns nicht müde werden, das Richtige zu tun. Und damit meine ich nicht unbedingt, uns an alle Regeln zu halten. Ich meine damit vor allem: Pläne nicht einfach zu verwerfen, sondern die Idee dahinter zu behalten. Nochmal und nochmal Neues auszuprobieren. Auch wenn es Kraft kostet, mir klarzumachen, was mir wirklich wichtig ist, und mich dann dafür einzusetzen. Es wird auch wieder eine andere Zeit kommen. Eine, in der wir sehen, dass nicht alles nur mühsam, sondern manches sogar ein echter Gewinn war. Wir dürfen nur nicht vorher aufgeben.

 

In diesem Sinne – nicht müde werden!

Ihre Pfarrerin

 

 

Text: Pfarrerin Isabella Bigl / Kirchgasse 15 / 71686 Remseck // Bild: instagram