Motivationspäuschen

Für mich kommt das Schönste bei einer Wanderung wirklich ganz zum Schluss. Die eigentliche Belohnung kommt bei mir immer kurz nach dem Gipfel und zwar auf der nächsten Almhütte. Sie besteht dann in der Regel aus Germknödeln, Kaiserschmarrn oder auch mal einem Stück Kuchen mit einem Berg Sahne.

Denn so sehr ich die Berge und auch die Aussicht vom höchsten Gipfel liebe, so sehr liebe ich auch das Einkehren in der Hütte. Mit verschwitztem T-Shirt, hochrotem Kopf, brennenden Muskeln und schmerzenden Füßen schmeckt ein süßer – ganz selten auch mal ein deftig-herzhafter Gaumenschmaus – einfach unbeschreiblich lecker. Vermutlich ist das auch deswegen so, weil ich den Eindruck habe, dass ich mir den nun so richtig verdient habe. Ja – so eine körperliche Anstrengung fordert doch auf jeden Fall eine Belohnung. 

Momentan ist mir auch ohne Wanderung schwer nach Belohnung zumute, aber die hätte ich gerade ungern in Form eines klebrig süßen Germknödels. Außerdem finde ich, dass wir alle uns eine Belohnung verdient hätten, wie auch immer diese für jeden und jede aussehen könnte. Denn die Tour, die wir seit über einem Jahr zurücklegen, ist in jeder Hinsicht anstrengend.

Der Weg zum Gipfel zieht sich und ist noch nicht erreicht und damit auch die belohnende Einkehrmöglichkeit noch nicht mal in Sichtweite.

Beim Wandern ist das der Zeitpunkt, an dem die eisernen Reserven gefragt sind und an dem man besonders auf die Wandergruppe angewiesen ist.

In den vergangenen Monaten habe ich immer mehr schätzen gelernt, dass meine Wandergruppe aus Familie, Freunden und weiteren Menschen besteht, die mit Gott unterwegs sind. 

Ein Satz aus dem Römerbrief hat dadurch eine andere Bedeutung für mich bekommen. Paulus schreibt im 8. Kapitel einen Motivationssatz für genau solche Wandergruppen:

„Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen.“ (Röm 8, 28)

 

Dieser Satz klingt erst mal nach: „Das Beste kommt dann ganz zum Schluss und auch nur für eine kleine auserwählte Gruppe!“

Paulus ist mit diesem Satz aber weit vom Irgendwann-Einmal entfernt. Er formuliert ihn für das Hier und Jetzt. Hier und jetzt teilt er mit Vielen seine Erfahrungen mit Gottes Liebe. Und genau da, nämlich beim Teilen entdecke ich unerwartete Reserven und Motivationspotenzial zum Durchhalten auf dieser langen, anstrengenden Strecke. Das Beste erlebe ich immer wieder gerade durch andere Menschen, die an Gott und seiner Liebe festhalten, obwohl es genug Anlässe zum Zweifeln, ja zum Verzweifeln gäbe.

Einen Vorgeschmack auf die große Belohnung bekomme ich, wenn ich durch das Gottvertrauen und die Hoffnungsstärke anderer neu belebt werde. Mir tut es gut mit anderen eine Pause einzulegen und dabei Gott und seine Zusagen ernst zu nehmen, sie in das Leben hineinscheinen zu lassen und deren Erfüllung notfalls auch mal lautstark einzufordern.

Durch das gemeinsame Unterwegs Sein mit Gott gibt es im Hier und Jetzt so allerlei Belohnendes zu finden. Und das alles nicht, weil wir uns besonders hart anstrengen, besonders diszipliniert oder hörig sind, sondern einfach nur, weil Gott jeden und jede einzelne von uns so sehr liebt.

In diesem Sinne – Halten Sie sich bereit für die Durststreckenbelohnungen und lassen Sie andere daran teilhaben.

Ihre Pfarrerin Eva Engelking