Lebensziel

„Mama, wieso steht´n da ein Schiff im Wald?“ Ich gebe zu, dass ich im ersten Moment dachte: Das ist wieder so ein Kinderding. Unsichtbare Freunde hier, ausgedachte Dinos da, Schiffe im Wald – wo denn auch sonst? Aber es stimmte halt. Mitten im Nichts steht ein Schiff auf einer Lichtung und ein imposantes noch dazu. Eigentlich ein Wunder, dass wir Erwachsenen es übersehen hatten. Vielleicht liegt es daran, dass wir noch unsere Verwunderung über etwas ganz anderes verdauen mussten. Im letzten Jahr waren wir zu einer Hochzeit eingeladen, die eben in diesem Nichts stattfand – im Wendland. Wir wussten, dass der Castor da irgendwo mal unterwegs war, aber das war´s auch schon. Auf dem Rückweg vom Supermarkt landeten wir dann im Nachbarort unseres Ferienhäusles: in Gorleben! Da ging uns so langsam ein Licht auf… Nur wenige Minuten später staunten wir, dass uns die Bundestraße direkt am Atommüll-Zwischenlager vorbeiführte und während ich auf dem Beifahrersitz noch perplex nach hinten schaute, schallte es aus dem Kindersitz: „Mama, wieso steht´n da ein Schiff im Wald?“ Ich hatte eine Kurve verpasst, den einen Moment, in dem man einen Blick auf die Lichtung und die „Beluga“ erhaschen konnte. Ohne es zu wissen, waren wir am Schauplatz des Widerstands gegen das geplante Atommüll-Endlager vorbeigerauscht. Am Sonntag drauf kamen wir zurück und erlebten eine Überraschung.

 

Ausgehend von der Beluga arbeiteten wir uns ins Herz der Bewegung vor. Zuerst umkreisten wir das ehemalige Laborschiff von Greenpeace, das dort als Mahnmal steht. Danach spazierten wir mit Demonstranten, fünf reizenden älteren Herrschaften, um das geplante Atommüll-Endlager. Und nach unserer Runde bogen wir ab und liefen noch ein Stück weiter in den Wald hinein – zur Kirche. Wo Schiffe im Wald liegen, da kann es auch so etwas geben. Ein wenig abseits des Weges ist sie eingerichtet: Sitzbänke aus Baumstämmen, verwitterte Kreuze, die von unterschiedlichen Protestmärschen mitgebracht wurden und ein Baumstumpf als Altar. Ich muss sagen: Schon die „weltlichen“ Demonstranten hatten mich mit ihrer Beharrlichkeit beeindruckt, aber die Gruppe, die wir dort trafen, die hat mein Herz im Sturm erobert. Seit genau 30 Jahren treffen sich Christen im Wald, die ihren Widerstand gegen das Endlager nicht nur aus Sorge um ihr eigenes Leben oder die Region speisen. Sie treten hier mit tiefster Überzeugung für die Bewahrung der Schöpfung ein und sie hoffen darauf, dass ihre Gebete eines Tages etwas verändern. Nichts und niemand kann sie aufhalten. Sie haben Buch geführt: In den letzten 30 Jahren ist das Gebet nicht einmal ausgefallen. Jede Woche haben sie sich hier getroffen, bei Wind und Wetter, Hitze oder Schnee, zu fünft oder mit 100 Personen, wenn die politischen Wellen hochschlugen und auch dann, wenn das Thema über viele Jahre von der Bildfläche verschwunden war.

 

Die liebenswerten Widerständler im Wendland sind für mich die Verkörperung eines besonderen Bibelverses. Paulus schreibt im Römerbrief (12,12): „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“

Das sagt sich leicht und lebt sich schwer. Aus Hoffnung heraus fröhlich sein, das schaffe ich auch oft, in Trübsal geduldig bleiben, fällt mir schon schwerer (es jammert sich halt so schön…) und beharrlich im Gebet war ich schon lange nicht mehr. Ich bete für die Dinge, die mir wichtig sind. Für mich selbst und meine Familie, für das, was uns in unserer Stadt und unserem Land bewegt, für die aktuellen Ereignisse weltweit, aber ich wüsste jetzt auf die Schnelle nichts, wofür ich über viele Jahre hinweg, gegen große Widerstände und auch in einem Zustand der Aussichtslosigkeit gebetet hätte.

 

Als Anfang der Woche die Nachricht durch die Presse ging: „Gorleben kommt als Endlager nicht mehr in Frage“, da habe ich mich gefreut und am liebsten hätte ich die Gesichter der Gorlebener gesehen. Vor wenigen Wochen waren wir im Urlaub wieder beim Gebet und da schien alles noch unverändert. Und jetzt das! Wenn mich diese Nachricht so berührt, wie muss es ihnen dann erst gehen? Eine der Damen habe ich deshalb angerufen und gefragt, wie das denn jetzt ist. „Na herrlich ist das!“ sagte sie. „Über 40 Jahre lang wurden wir als Chaoten und Krawallmacher abgetan. Und dass unsere Gebete jetzt an ihr Ziel kommen, das ist schon überwältigend.“ Und was machen sie jetzt, wo sie doch quasi fertig gebetet haben? Verliert das Gorlebener Gebet auf einmal seinen Sinn? Darum muss man sich keine Sorgen machen: „Wir treffen uns weiter hier und begleiten die Suche nach einem sicheren Standort im Gebet. Und der Widerstand, der ist ja im Wendland zu Hause. Gestern Morgen hat unser Landrat verkündet, dass keine Flüchtlinge aus Moria bei uns aufgenommen werden – und das, obwohl das eigentlich feststand. Und was denkste nun: Am Nachmittag standen die ersten Zelte vor dem Kreistag, die Leute haben da übernachtet und sind heute auf Seite 1 der Tageszeitung. Also: Anliegen haben wir genug!“

 

Die lebenslange Beharrlichkeit dieser Leute beeindruckt mich enorm. Solange Menschen mit solcher Inbrunst für diese Welt beten, solange können wir auch davon ausgehen, dass eines Tages das Unmögliche möglich wird. Wäre das nicht sensationell, wenn wir unseren Teil dazu beigetragen hätten?

 

In diesem Sinne – bleiben wir beharrlich!

Ihre Pfarrerin

Isabella Bigl

 

Text: Pfarrerin Isabella Bigl / Kirchgasse 15 / 71686 Remseck // Bilder: privat