Lässig wie Bernie

Was gäb ich drum, manchmal einfach lässig zu sein. Den Kopf auszuschalten und drauf zu pfeifen, was andere über mich denken. Je älter ich werde, desto besser gelingt mir das, aber bei wichtigen Anlässen, bin ich nach wie vor gern angepasst und Mainstream. Das geht vielen Menschen so, glaube ich. Selbst den ganz großen Promis.

Letzte Woche wurde zum Beispiel der neue US-amerikanische Präsident in sein Amt eingeführt, mit großem Trara und durchgestylter Zeremonie: Joe Biden erschien im feinen Zwirn, die First Lady trug Maske und Outfit Ton in Ton und die Vizepräsidentin glänzte mit einem angemessenen farblichen Statement – kurz: Alle hatten sich so richtig rausgeputzt. Niemand wagte, optisch aus der Reihe zu tanzen. Denn die Welt schaut zu und „was sollet au die Leut denka?!“

Einen hat das nicht die Bohne interessiert: Bernie Sanders, Senator aus Vermont und zweimaliger Präsidentschaftskandidat. Auf seiner zugewiesenen Treppenstufe thronte er im mausgrauen Anorak, mit dicken, selbstgestrickten Fäustlingen und normaler OP-Maske. Wie ein alter Schlumpi saß er dort, unbeeindruckt vom ganzen Pomp und betont desinteressiert. Das Bild ging viral, das heißt es hat sich im Internet rasend schnell verbreitet. Wie ein Virus, unkontrollierbar, von Tausenden geklickt und Abertausenden weitergeleitet. Bilder und Videos, die viral gehen, wandern in Sekundenschnelle von Mensch zu Mensch, um die ganze Welt. Das hätte er doch wissen müssen! Hat er sicher auch. Aber es war ihm halt egal. Nach seinen Beweggründen gefragt, sagte er in einem Interview: „In Vermont kennen wir uns gut mit Kälte aus und weniger gut mit Mode. Wir wollen warm bleiben, und das habe ich heute gemacht.“

Was für ein Typ – pragmatisch und scheinbar unabhängig. Sollen die Leut doch denken, was sie wollen.

Mir geht diese Lässigkeit oft noch ab und ich denke an die Leut. Zum Beispiel kann ich mich an eine Shoppingtour vor dem Vikariat erinnern. Mein Ziel war es, eine „ordentliche“ Dienstgarberobe zusammenzustellen. In meiner Auswahl befand sich auch eine knallrote Röhrenjeans. Die Verkäuferin war ob dieser farblichen Entgleisung erschüttert, weil „man“ das als Pfarrerin nicht trägt. Das hat mich wiederum erschüttert – das Gefühl, dass das, was mir gefällt, scheinbar kolossal an dem vorbeigeht, was „man“ eigentlich tut. Ich bin mir sicher, Sie können auch solche Geschichten erzählen. Was denket au die Leut? Was denken die, wenn ich in den Urlaub fahre und meine Wohnung vorher nicht geputzt habe? Was, wenn auffällt, dass mein Kind heute mit zwei verschiedenen Schuhen im Kindergarten war? Und was erst, wenn die Pfarrerin mit einer roten Hose aufkreuzt? Ja, was wäre denn dann? Bisher hat niemand Schaden genommen, der meine Wohnung in meiner Abwesenheit betreten hat, von unterschiedlichen Schuhen geht auch keine akute Lebensgefahr aus und eine rote Hose sagt nichts darüber aus, wie ich meine Arbeit mache.

Trotzdem höre ich das Denken der Leute meistens schon mit: Ich soll gesellschaftliche Gepflogenheiten einhalten, meine Familie im Griff haben und vor allem im beruflichen Kontext den Erwartungen an mich gerecht werden. Und das alles nicht, weil ich es so will, sondern damit ich in den Augen meiner Mitmenschen nicht durchfalle. Solche Gedanken breiten sich dann in mir aus wie ein Virus. Sie engen mich ein, machen mich unsicher und geben mir das Gefühl, von außen getrieben zu werden. Dieses Gefühl hatte ich beim Blick auf Bernie Sanders gar nicht. Während ich ihn noch darum beneidet habe, habe ich die Losung für diesen Tag aufgeschlagen und frage mich wirklich, ob dieser Schelm sie gelesen hat. Da steht nämlich für letzten Mittwoch:

Wo der Geist des Herrn wirkt, da herrscht Freiheit.
2. Korinther 3,17

 

Dass der Geist Gottes Menschen frei macht, das habe ich inzwischen ganz gut verinnerlicht. Und deshalb gelingt es mir zum Glück immer öfter, mich innerlich frei zu machen. Aber fragen Sie mich nicht, wie genau das passiert ist. Offensichtlich habe ich es oft genug gehört: Dass Gott bedingungslos liebt. Das heißt für mich, es kommt ihm nicht darauf an, was ich anziehe, ob meine Kinder wie aus dem Ei gepellt aussehen oder ob ich berufliche Erwartungen erfülle. Weil das alles an mir als Person überhaupt nichts ändert. So platt das auch klingt: Ich glaube fest, dass Gott mein Innerstes kennt und dass er uneingeschränkt hinter mir steht. Das verändert meinen Blick auf mich selbst, aber im gleichen Atemzug auch meinen Blick auf andere. Weil ich glaube, dass ich völlig ok bin, muss ich glauben, dass das auch für andere gilt. Auch die sind geliebt und deshalb vollkommen in Ordnung. Nicht immer in meinen, aber ohne Ausnahme in Gottes Augen. Wenn sich dieses Denken durchsetzen würde, dann würde uns die Frage „Was denket au die Leut?“ keine Sorgen mehr machen. Wir wüssten dann nämlich: Erstmal nur Gutes!

Das ist für mich der Geist, mit dem Gott Menschen begegnet und das ist ein Gedanke, der viral gehen sollte! Vielleicht fällt es uns Menschen schwer, das zu glauben, eben weil es so einfach klingt. Zu einfach. Wenn du glaubst, dass Gott dich liebt, spielt es keine Rolle mehr, was andere über dich denken. Dann herrscht Freiheit. Das muss man hören, wieder und wieder und wieder. Und dann muss man es ausprobieren, zwischendurch daran scheitern und wieder an sich selbst zweifeln. Aber dann kann man sich beim nächsten Mal umso mehr freuen, wenn es klappt.

In diesem Sinne – Freiheit!

Ihre Pfarrerin

Text: Pfarrerin Isabella Bigl / Kirchgasse 15 / 71686 Remseck // Bild: Brendan Smialowski/AFP