„Kooooooooooooooooooooooooomm!“

„Kooooooooooooooooooooooooomm!“ – der Urschrei lässt uns zusammenzucken. Der Boden unter unseren Füßen vibriert. Wie ein Donnerhall versetzt die Stimme die Heide in Wallung. Unser Sohn flüchtet sich auf Papas Arm und ich merke, wie der Händedruck unserer Tochter fester wird. Mit weit aufgerissenen Augen schauen wir der Herde entgegen, die auf uns zurollt. An der Spitze pflügt sich eine Ziege durch den Sand, es folgen ein paar Heidschnucken und am Ende donnern 500 Tiere an uns vorbei. Ringsherum teilt sich die Masse und wir stehen mitten in der gewaltigen Herde. Klingt wie die Apokalypse, gell? War aber nur unser Urlaub im Wendland.

 

Ein Nachmittag mit dem Heideschäfer war im letzten Jahr unser schönstes Ferienerlebnis. Der hat bleibenden Eindruck hinterlassen. Wenige Tage zuvor haben wir ihn in einem Café getroffen und aus dem Reiseführer wiedererkannt. Unverfroren wie ich bin, habe ich mich angepirscht und ihm seine Telefonnummer aus dem Kreuz geleiert. Und so kamen wir in den Genuss, ihn auf einem seiner Wege begleiten zu können. Unsere Kinder sind ihm nicht von der Seite gewichen. Sie sind gelaufen, ohne zu murren. Für Marian war das im Sand damals noch ein echter Kraftakt. Wenn Sie diese Zeilen lesen oder hören, dann sind wir wieder im Wendland und ganz sicher sind wir auch wieder in der Heide.

 

So, Achtung, und nach der Dramatik vom Anfang wird´s jetzt kitschig:

Mich lässt diese Begegnung nicht mehr los. Auch ich habe schon über Psalm 23 gepredigt oder den Hirtenvergleich in Andachten bemüht. Daran führt kein Weg vorbei. Der Vergleich ist mit Sicherheit eines der innigsten Bilder, die wir von unserem Glauben haben: Ich als selbstbewusster Mensch vergleiche mich mit einem schnöden Herdentier und übergebe die Lebensführung ganz und gar einem anderen.

 

An diesem Nachmittag habe ich aber zum ersten Mal gespürt, wie gut sich das anfühlen kann. Das Verhalten des Schäfers hat mich beeindruckt. Jedes Tier hatte er im Blick, jedes einzelne. Bei den Ziegen konnte ich das noch nachvollziehen, weil die wenigstens halbwegs individuell aussehen. Aber spätestens bei den Heidschnucken war ich raus. Gut 300 Tiere, etwa gleich groß, helles Fell, schwarze Köpfe und Beine, Männlein und Weiblein mit Hörnern – keine Chance.

 

Der Heideschäfer dagegen kannte jedes Tier seiner Herde. Er wusste um die Vorlieben und konnte freches Verhalten schon im Voraus ankündigen, weil er eben auch seine Spezialisten kannte. Die Hunde waren für die ganz frechen Kollegen da, aber in der Regel genügte ein „Koooooomm!“ und schon wusste die Herde, was zu tun war.

Selbst mir ging es so: Ich habe mich ganz der Führung dieses Mannes überlassen, weil er absolute Ruhe und Sicherheit ausgestrahlt hat. Ich bin gelaufen, ohne auf den Weg zu achten, ich hing an seinen Lippen und konnte spüren, wie sich eine wohlige Leere in meinem Kopf breit gemacht hat.

 

Wir alle haben gespürt, dass dieser Mann etwas Besonderes ist. Und dabei ist er „nur“ ein Mensch, der seine Aufgabe besonders gut erfüllt. Unterwegs blieb ich immer wieder an einem Gedanken hängen: Wie muss es dann erst sein, wenn Gott mein Leben in eine gute Richtung führt? Wie erleichternd ist es, wenn ich das glauben kann! Spannenderweise habe ich in der Nähe des Schäfers nicht an Psalm 23 gedacht, sondern an Verse aus Psalm 121.

 

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.

Wahnsinn, oder? Wer ein paar Nächte hintereinander schlecht geschlafen hat, der weiß: Das hält niemand lange durch. Menschen müssen schlafen und sich ausruhen. Gott nicht. Mir macht so manches gerade Sorge. Gott nicht. Mir fallen auch mal in unpassenden Momenten die Augen zu. Gott nicht. Das ist Schäfertum auf höchstem Niveau.

 

Mich treiben zur Zeit wieder Corona-Fragen um. Fakten, die schon mal als fast gesichert galten und die jetzt doch wieder wackeln. Fragen nach der Immunität. Die Frage, ob es eines Tages einen wirksamen Impfstoff gibt. Die Frage, ob manche Dinge jetzt für immer vorbei sind – große Gemeindefeste, Gottesdienste in einer brechend vollen Kirche, ausgelassene Partys in stickigen Räumen, Umarmungen und ein Handschlag zur Begrüßung. Solche und ganz andere Fragen haben das Zeug, uns den Schlaf zu rauben. Das mag ihnen für eine Weile gelingen, aber nicht für immer. Ich soll nicht davon schlaflos werden. Das übernimmt Gott für mich. Er schlummert nicht – das muss reichen. Und das reicht auch. Er wacht über mich.

 

In solchen Momenten denke ich jetzt an den Heideschäfer. Ich freue mich, dass ich mein Leben selbstbestimmt leben kann. Aber – und das erleichtert mich echt – ich muss es nicht, nicht immer. Ich kann mich auf harten Abschnitten leiten und begleiten und tragen lassen. Dann macht sich wieder diese wohlige Leere in mir breit. So lange, bis ich mich ausgeruht habe.

 

In diesem Sinne – schlafen Sie gut!

Ihre Pfarrerin