Kennen Sie Tillmann Prüfer?

Kennen Sie Tillmann Prüfer? Sein Urgroßvater hätte ihn ganz ungeniert als „Zeitungshalunke“ bezeichnet. Prüfer ist ein deutscher Journalist. Seine Kolumnen im ZEITmagazin lese ich gern und wurde deshalb neugierig, als ich im letzten Herbst ein Buch von ihm auf dem Couchtisch meiner Schwie-gereltern entdeckt habe: „Der heilige Bruno – die unglaubliche Ge-schichte meines Urgroßvaters am Kilimandscharo“. Prüfer beschreibt darin das Leben seines Urgroßvaters Bruno Gutmann. Er war Missionar in Afrika, Prüfer begibt sich auf Spurensuche und kaspert quasi nebenbei sein Ver-hältnis zu Gott aus.

Und so geht es los:

„Ich habe meine Kinder katholisch taufen lassen, aus Faulheit. Meine Frau sagte, wenn wir sie evangelisch taufen ließen, sollte ich mich auch um die religiöse Erziehung kümmern. Wenn sie hingegen Katholiken würden, würde sie das übernehmen. Nun war mir völlig schleierhaft, wie ich ein Kind religiös erziehen soll. Gehe ich dann jeden Sonntag in die Kirche? Beten wir vor dem Essen? Lesen wir gemeinsam im Neuen Testament? Im Alten? Diskutieren wir, ob es Dinosaurier gegeben hat? (…) Mir war die Konfession meiner Kinder einfach egal.
Dabei habe ich kein schlechtes Verhältnis zu Gott. Ich nehme an, wäre Gott bei Facebook, wären wir befreundet. Allerdings haben ich und Gott wenig miteinander zu tun, wir haben praktisch keinen Kontakt. Ich lebe im Osten Berlins. Ostdeutschland ist angeblich das Gebiet mit der welthöchsten Atheistendichte. Gott ist hier wenig unterwegs.“

So weit, so lustig.

Verblüffend ehrlich für einen Zeitungshalunken beschreibt Prüfer am An-fang wie er sich durch das Kommunions-Begleitprogramm seiner Töchter mogelt, wie er innerlich seine Frau für ihren Glauben belächelt und gehofft hatte, aus der ganzen Glaubenssache nach der Taufe der vierten Tochter „fein raus“ zu sein. Ein Irrtum, wie er bald würde feststellen müssen.

Ich glaube, mich hat der Anfang des Buches so gefesselt, weil da einer so ehrlich ist. Keine Rede von „ich glaub ja schon an Gott, aber die Kirche brauche ich dazu nicht“. Er sagt, was ist: Nichts. Ein müdes Schulter-zucken. Vielleicht war da mal was, aber irgendwie hat sich sein religiöses Gefühl auf dem Weg gen Himmel verheddert. Soll vorkommen.

In den letzten Tagen musste ich wieder daran denken, weil ich das Gefühl habe, dass wir als Kirche einer ganz neuen Zeit entgegengehen. Menschen, die vorher kein großes Bedürfnis nach kirchlicher Gemeinschaft hatten, fragen sich auf einmal, ob ein wenig Kontakt nach oben nicht doch nett wäre. Und Menschen, für die die Kirchengemeinde ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens war, müssen schlagartig ohne die für sie so wertvolle Gemeinschaft vor Ort auskommen.

Das macht etwas mit uns. Mit mir zumindest. Für mich war das vor-letzte Wochenende die „Stunde Null“ – keine Gemeinschaft, keine Gottes-dienste mehr. Das gab´s ja noch nie! Da muss man doch was Neues finden! Ich nehme wahr, dass sich bei mir inzwischen ein erster Aktionismus gelegt hat und ich fasziniert beobachte, wie sich das Leben verlangsamt.
Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, fange ich an, mir neue Ri-tuale zuzulegen und ich spüre, dass ich mir ähnliche Fragen stelle, wie Tillmann Prüfer. Und dabei bin ich wahrlich keine Anfängerin in Sachen Gott. Ich frage mich nicht, wie ich das mit dem Glauben eigentlich anstellen könnte, sondern eher wie ich meinen Glauben leben will: Was mache ich ohne einen „echten“ Sonntagsgottesdienst? Wann bete ich und was er-warte ich mir davon? Lese ich in der Bibel?

Wie stelle ich mir das eigentlich vor, mit Gott in Kontakt zu sein? Ein bisschen fühlt sich das an, als würde ich meine Fäden in den Himmel entwirren, damit sie wieder im Wind flattern können.
So ein neues Ritual sind für mich zum Beispiel die Einschlaf-Losungen. In der vergangenen Woche hatte ich abends oft das Gefühl, dass alles aus den Fugen gerät. Tagsüber war ich beschäftigt genug, um manche Sorge nicht bemerken zu müssen, aber abends…?

Dann noch etwas zu lesen, war mir zu viel, die Nachrichten wollte ich nicht mehr hören und da fielen mir die Herrnhuter Losun-gen in die Hand. Bisher waren sie kein täglicher Begleiter für mich, weil mich morgens meistens die Kinder wecken und wenig Zeit für Besinnlich-keit bleibt.
Aber abends…! Da habe ich die Zeit und da brauche ich vor allem etwas, das mich ruhig schlafen lässt. Und so liegen sie jetzt auf meinem Nachttisch und oft genug begleiten sie mich auch durch den nächsten Tag – bis am Abend dann ein neuer Vers das Hoffnungsruder übernimmt.

In diesem Sinne – bleiben Sie begleitet!

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl