(K)eine Frage des Geschmacks

Bei Brokkoli scheiden sich die Geister und das nicht nur bei mir zuhause. Die Remsecker Erntedankgemeinde am vergangenen Sonntag war ebenfalls gespalten, was das grüne Gemüse betrifft. Die einen essen Brokkoli für ihr Leben gern. Die anderen würden ihn sofort vom Speiseplan streichen oder haben es sogar schon getan. Bei Brokkoli fällt es den meisten leicht zu sagen: das schmeckt mir oder das schmeckt mir nicht.

Überhaupt ist Essen doch zur Geschmackssache geworden – zumindest in unseren Breiten. Es gibt so viel verschiedene Lebensmittel, dass wir aussuchen können, welche wir gerne essen, welche nur manchmal oder welche nie.

Das schmeckt mir und das schmeckt mir nicht! Die Frage nach dem Geschmack kann ich aber auch in anderen Lebensbereichen stellen. Diese Frage drängt sich mir sogar auf, wenn ich zum Beispiel beim Thema Essen den Blick weite und sehe, dass weltweit nicht alle genug zu essen haben, sondern sogar hungrig bleiben. Das hinterlässt bei mir einen bitteren Nachgeschmack. Aber auch, wenn ich von Missständen in der Lebensmittelverarbeitung höre, stößt mir das sauer auf.  

Nur: was mache ich dann mit dem bitteren oder sauren Geschmack in meinem Mund? Streiche ich diese Themen möglichst schnell von meinem Speiseplan? Oder neutralisiere ich den Geschmack durch einen anderen Geschmack, der mir viel besser schmeckt? Ehrlich gesagt tendiere ich im Alltag schnell zu diesen beiden Varianten: entweder einen Bogen drumherum machen oder etwas Zucker draufstreuen, so nach dem Motto „Ich kann eh nichts daran ändern!“ Dieser Umgang mit den Dingen, die mir eigentlich gar nicht schmecken, ist wohl nur allzu menschlich. Wieso sich auch dem herben Brokkoligeschmack hingeben, wenn ich die Süße reifer Erdbeeren schmecken kann?

Allzu menschlich ist das, daher stößt uns die Bibel immer wieder darauf, uns auch dem nicht so Schmackhaften und schwer Verdaulichen anzunehmen. Die Bibel stößt uns vor allem dann darauf, wenn es um das Wohl aller Menschen geht. Deutliche Worte formuliert zum Beispiel der Prophet Jesaja:

„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, […]! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, […].“ (Jesaja 58,7.8)

Der Prophet Jesaja macht mir mit seinen Worten deutlich: Im Eintopf des Lebens schwimmen eben auch diese schwer verdaulichen und wenig schmackhaften Brocken. Nur drumherum zu löffeln macht sie nicht kleiner und auch nicht leichter verdaulich. Auch ihren bitteren Geschmack hinterlassen sie weiterhin.

Wenn ich aber mithelfe, dass die Brocken kleiner werden und ich meine Würze hinzugebe, dann wird dieser Eintopf für alle bekömmlicher und im Geschmack milder. 

Davon haben dann alle etwas, sogar ich.

In diesem Sinne – Nehmen wir uns doch auch dem wenig Schmackhaften und den schwer verdaulichen Brocken in unserem Leben an! 

Ihre Pfarerrin Eva Engelking