Keine Angst vor Kettenbriefe

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Freunde, es is‘ soweit: Wir haben den ersten Kettenbrief bekommen. Freudestrahlend brachte ihn unsere Tochter nach Hause. Mich dagegen ereilte ein spontaner Schwächeanfall. Wir waren früher immer die Familie, die solche Spielchen unterbrochen hat. Dabei weiß doch jeder: Wer einen Kettenbrief nicht weiterschickt, der ist verantwortlich für viele gebrochene Kinderseelen und kleine Kulleraugen, die in Tränen schwimmen. Eines dieser enttäuschten Augenpaare hätte jetzt meiner Tochter gehört. Und es ist ja auch der erste und nicht wie damals bei mir, der 23. in zwei Wochen.

Was soll ich also sagen? Ich hab mitgemacht. Allerdings habe ich die Adressaten vorgewarnt. „Übrigens ihr bekommt demnächst Post von uns. Ich hab den Kindern zuliebe mal mitgemacht, aber naja, ihr wisst ja selbst wie das ist mit Kettenbriefen…“

Hinterher hab ich mich gefragt, wieso eigentlich.

Wieso teile ich jedes noch so sinnfreie Video auf facebook, ohne mit der Wimper zu zucken?  
Und wieso zögere ich bei diesem Kettenbrief?

Welche Dinge gebe ich schnell und gern weiter?

Und was verstaubt auf meinem Schreibtisch, in meinem Kopf oder im Papierkorb?

Wieso bleiben manche Dinge unter Verschluss?

Aus Scham? Aus Angst vor der Meinung anderer? Was denket au die Leut‘? Aus Sorge, jemanden zu nerven oder vor den Kopf zu stoßen?

Aus den Rückmeldungen weiß ich inzwischen, dass die Wochenpost gern weitergeleitet wird. Sie sucht sich ihren Weg – in Papierform durch Neckarrems, und digital wird sie sogar in andere Länder verschickt. Sie geht von Hand zu Hand und von Handy zu Handy.

Das freut mich. Und ich frage mich: Wieso fällt es vielen Menschen scheinbar leicht, diese Gedanken mit anderen zu teilen?

Vielleicht, weil es nur ein Klick ist, ein anonymes Klappern am Briefkasten? Oder weil es fremde Gedanken sind? Meine, hinter denen Sie sich zur Not verstecken können. Man sieht die Reaktion des anderen nicht, man muss nicht selbst Farbe bekennen und man bekommt nicht unmittelbar mit, was der andere über einen denkt. Schon praktisch. Ich gebe etwas weiter, ohne mein Gesicht zu verlieren.

So leicht können wir uns als Christen aber nicht aus der Verantwortung ziehen. Wir haben quasi von höchster Stelle den Auftrag, beim größten Kettenbrief der Welt mitzumachen. In der Bergpredigt sagt Jesus: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Ihr seid das Licht der Welt. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt 5,13ff.)

Da habe ich es schwarz auf weiß: Ich soll weitererzählen, was ich von Gott weiß, was ich mit ihm erlebt habe und was er mir bedeutet. So soll ich Salz und Licht sein und anderen damit etwas Gutes tun. Das heißt für mich: Ich könnte ja mal damit aufhören, immer schon mitzudenken, was der andere dann wohl über mich denkt. Dass ich anderen etwas vorenthalte, das sie gerade vielleicht brauchen, wenn ich einen Gedanken für mich behalte – das ziehe ich so gut wie nie in Erwägung. Von einer Erfahrung berichten, wenn mich jemand um Rat fragt oder einen guten Gedanken auch mal ungefragt weitertragen – das wäre für mich in den meisten Situationen eine Kleinigkeit. Auf der anderen Seite kann das aber eine große Reaktion hervorrufen. Das muss ja nicht die befürchtete Genervtheit sein. Vielleicht kann ich ein Lichtkegel sein, der in einen völlig überraschenden Lebenswinkel fällt, ein Lichtstrahl, der verborgene Talente beleuchtet, die der andere selbst vergessen hat, oder auch mal eine Taschenlampe, die unter den Teppich leuchtet und den Staub sichtbar macht, der schon allzu lang daruntergekehrt wurde. Ich könnte mit meinem Salz für eine andere neue Lebenswürze sein, mein Gedanke könnte einem anderen Leben neuen Pfiff geben oder Salz in eine Wunde streuen, damit sie danach endlich heilen kann. Wer weiß, wie fad und duster das Leben unserer Freunde bleibt, wenn sie keine Post von uns bekommen.

Mit meinem Text will ich heute keine Werbung machen. Niemand von Ihnen muss ihn jetzt an fünf Personen weiterschicken, weil ich sonst weine. Mir geht es darum, dass wir mutiger mit dem umgehen, was uns selbst guttut, was uns geholfen hat oder herausfordert. Das könnten wir anderen öfter erzählen, ungenierter, und ohne gleich an die Wertung zu denken, sondern lieber an die mögliche Wirkung. Jesus geht davon aus, dass Salz und Licht einen positiven Effekt haben: Ihr sollt das tun, „damit sie euren Vater im Himmel preisen.“ Wär‘ doch irre, wenn das am Ende dabei herauskommt: Ich zeige, was mich bewegt und berühre damit ein anderes Herz.

In diesem Sinne – keine Angst vor Kettenbriefen!

Isabella Bigl