Keep rolling

Sachen gibt´s! Da schnallsch ab. Letzte Woche war ich auf einen gemütlichen Abend auf dem Sofa eingestellt und mein Mann hatte ganz beiläufig eine neue Netflix-Serie angekündigt. Dass mich die nachhaltig beschäftigen und irgendwie auch erschüttern würde, hätte ich nicht gedacht. In „We Are the Champions“ werden ungewöhnliche Hobbies vorgestellt. Super harmlos, dachte ich. Kein Nervenkitzel, kein Blut – seichte Unterhaltung. Es hat auch alles ganz unverdächtig begonnen, aber nach wenigen Minuten war ich sprachlos. Und das lag am Käserennen von Brockworth. Jedes Jahr stürzen sich in diesem Dorf viele traditionsbewusste – man könnte auch sagen lebensmüde – Engländer einen Hügel hinab, weil sie einem Laib Käse hinterherrennen. Das völlig Verrückte daran ist: Der knapp 200m lange Hügel hat ein Gefälle von 45%. Und der Käse nimmt schon nach wenigen Metern so an Fahrt auf, dass er im Ziel mit bis zu 130 km/h in die Bande kracht. Niemand kann ihn einholen, aber das versucht auch keiner ernsthaft. Es geht nur darum, als Erste oder Erster unten anzukommen. Und deshalb wird gerannt und gestürzt, gerollt und geflogen ohne Rücksicht auf Verluste. Gestorben ist noch niemand, aber Knochenbrüche sind vorprogrammiert. Und doch: Der Einsatz lohnt sich! Wer gewinnt, erhält den Laib Käse! Mannomann. Die Geschichten um diese eigenwillige Tradition herum sind hanebüchen und die Deutungsversuche reichen zurück bis in die Römerzeit. Ehrlicherweise weiß niemand, wie alles begann und warum in aller Welt Menschen bis heute diesen „Sport“ pflegen.

Während ich mich noch über diese Tradition gewundert habe, ging der erste Advent ins Land. Und mit ihm kamen ganz andere, lieblichere und ungefährlichere Rituale in mein Leben. Am Samstag war die Welt noch in Ordnung: Mit meiner Familie habe ich das Haus auf die besondere Zeit vorbereitet. Es ist uns gelungen, bis dahin die ersten Sorten Bredla zu backen, wir haben Engel und Bergmänner aufgestellt, die Schwibbögen ins Fenster gerückt, Sterne aufgehängt und so weiter. Am Sonntag haben wir einen herrlichen Adventsgottesdienst gefeiert – mit Macht hoch die Tür und Tochter Zion, einem riesigen Adventskranz, mit allem drum und dran. Und am Nachmittag wurde mir zum ersten Mal mulmig zumute. Anstatt uns mit Familie oder Freunden zu einem gemütlichen Adventsnachmittag zu treffen, haben wir uns bei einem Spielplatzbesuch mit der Verwandtschaft draußen die Zehen abgefroren. Beim Backen ging es dann weiter: Als ich eine Dose füllte und an die vielen dachte, die noch kommen sollten, fragte ich mich, wer die in diesem Jahr eigentlich essen soll. Bei uns und vielen anderen Familien fallen die heimeligen Besuche aus. Und unsere dienstlichen Weihnachtsplanungen Anfang der Woche haben mir dann den Rest gegeben. Wir haben noch einmal deutlich bemerkt, wie wir bei allen Prognosen nur ins Blaue hinein planen können. Bis zum 23.12. ist alles offen – zumindest fühlt sich das so an. Und bei mir hat das alles dazu geführt, dass ich zwischenzeitlich einen Koller hatte und mich gefühlt habe, als wäre ich beim Käserennen am Start. Statt den Advent ohne viele Zusatztermine zu genießen, sah ich mich plötzlich Traditionen hinterherrennen, im vollen Bewusstsein, sie in diesem Jahr nicht einholen zu können. Ich habe es so empfunden, dass ich nicht bewusst auf Weihnachten hinlebe, sondern bergab auf das Fest zurolle. Und dabei werde ich immer schneller, ich stolpere und stürze über Hindernisse, strauchle über Verordnungen und Regeln, die plötzlich vor mir auftauchen wie Unebenheiten im Hügel und kann nicht anhalten. Immer schneller werde ich, ich hoffe, das Gleichgewicht halten zu können und mir am Ende nicht das Genick zu brechen.

Und in all dem geht mir auf, dass die Käsekontrahenten vielleicht gar nicht so verrückt sind. Auch sie tun das aus einer Tradition heraus, die den meisten von ihnen von klein auf wichtig ist. So, wie ich meine Adventszeit nicht aufgeben kann, so ist es für sie auch. Sie fühlen Schmerzen, erleben Rückschläge und Niederlagen, aber das Ritual trägt sie. So, wie mich die Adventslieder tragen, die ich in- und auswendig singen kann. Und dann gibt es in Brockworth noch eine Gruppe, die beim Rennen unerlässlich ist: Die Bremser im Ziel. Einige Meter vor dem Zaum an Ende des Hügels steht eine Kette massiger Männer. Ihre Aufgabe ist es, diejenigen, die auf sie zustürzen, aufzufangen. Und da hat mir in der letzten Woche eine Strophe aus Wie soll ich dich empfangen? besonders geholfen:

Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr;
seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür;
der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.

 

Das mag jetzt pathetisch klingen, aber der Gedanke, dass Gott selbst mein Bremser ist, der hat mich enorm beruhigt. Selbst, wenn ich gerade innerlich unruhig bin – ich glaube nicht, dass ich an Heilig Abend in die Krippe krache. Ich verlasse mich darauf, dass mich auch dieses Jahr unsere Adventsrituale dorthin tragen. Vielleicht holpriger als sonst, aber genauso standhaft – und dass der Tröster aller Welt mich dann am Ziel in Empfang nimmt. Es mag mir in diesen Wochen schwerfallen, Jesus Christus gebührend zu empfangen, aber seit Bethlehem wissen wir doch, dass es kein unpassendes Setting dafür gibt. Wenn ich alles an der Weihnachtstradition und ihrer Geschichte ernst nehmen will, dann muss ich auch daran denken, dass niemand darauf vorbereitet war. Und dass es dennoch, oder gerade deshalb Weihnachten geworden ist.

In diesem Sinne – keep rolling, wir werden empfangen!

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl