Inwiewenn

Sehen Sie was da drüben? Nix, gell? Ich auch nicht.

So geht es mir oft, wenn ich meine Kinder beobachte. Die sehen irgendwie Dinge, die ich nicht oder besser gesagt nicht mehr sehe. Am häufigsten passiert das „im Spiel“. Dann geschehen vogelwilde Dinge in unserem Garten, ich schlürfe plötzlich unsichtbare Puppensuppe und rufe lauthals „köstlich“! Das Prädikat „im Spiel“ erinnert alle Beteiligten jedoch daran, dass die Puppensuppe nicht ganz von dieser Welt ist.

 

Um diesen Makel zu beheben, haben wir von Freunden das „Inwiewenn“ übernommen. Durch Inwiewenn werden alltägliche Gegenstände zweck-entfremdet, umgewidmet, ganz neu betrachtet und überraschend kombiniert. Das passiert auch im Spiel, ergibt aber am Ende eine absolut reale Welt, in der alles – wirklich alles! – möglich ist. So entstehen irre große Baustellen in Hofeinfahrten, mit Baugruben so tief, wie wenn man gleich in Australien rauskommt. Oder Wildtier-Auffangstationen, so liebevoll eingerichtet als würde jeden Moment die versammelte schwäbische Igelwelt bei uns einziehen. Inwiewenn-Baustellen und Inwiewenn-Stationen. Nicht in echt und doch ganz wahr. Ich beneide meine Kinder um diese Gabe: zu spielen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt und in ihre Inwiewenn-Welt einzutauchen. Dort ist alles möglich. Vielleicht gerade, weil sie sich trauen, das Unmögliche wahr werden zu lassen.

 

Dazu hat mir in den letzten Wochen oft die Kraft gefehlt. Ich war krank und bin in Familie und Beruf ausgefallen. Anfangs hat sich das Rädchen da oben weitergedreht und ich habe überlegt: Wie geht es weiter, wenn ich wieder fit bin? Was gibt es zu erledigen? Die Halbschuhe der Tochter müssten doch inzwischen zu eng sein, oder? Wer beantwortet die Mails, wenn ich es nicht tue? Was schreibe ich in die nächste Wochenpost?

Je länger ich aber krank war, desto weißer wurde die Leinwand vor meinem inneren Auge. Ich sah, dass Erledigungen erledigt und Kindeschuhe gekauft wurden, auch ohne mich. Aber die Frage nach dem „Danach“, die ist geblieben. Und so habe ich beschlossen, die weiße Fläche für meine eigene Inwiewenn-Welt zu nutzen und habe versucht, zu träumen – so gut ich das als Erwachsene noch kann.

Vielleicht tun wir Großen uns damit schwer, etwas Neues auszudenken, weil man es uns ausgetrieben hat. Nicht erst Helmut Schmidt hat Willy Brandt im Wahlkampf vorgehalten: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!“ Schon in biblischen Zeiten wurden Visionäre als Spinner abgetan. Propheten wie Jesaja haben sich herzlich wenig um die Frage gekümmert, ob etwas tatsächlich möglich ist. Die Realität haben sie darüber aber nicht aus den Augen verloren. Viele von ihnen haben ihr Volk genau unter die Lupe genommen und den Finger in gesellschaftliche Wunden gelegt. Da wurde gepoltert und manches Mal auch gedroht, aber meistens stand am Ende ein Versprechen oder – wie bei Jesaja – ein Traum: Die Idee von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, von einer Inwiewenn-Welt.

 

Jesaja erzählt davon, wie es eines Tages sein wird. Alles wird dann anders sein und trotzdem: Niemand wird sich nach dem „Davor“ sehnen. Seine Beispiele zeigen, dass es noch nicht so weit ist: Kinder werden ohne Gefahr aufwachsen können und wenn ein Mensch mit hundert Jahren stirbt, wird man sagen: „Er war noch so jung!“ Menschen werden das, was sie herstellen, für sich zum Nutzen einsetzen können und niemand wird mehr für den Gewinn anderer wirtschaften müssen. Wenn es soweit ist, dann werden uralte Feinde, wie Wolf und Lamm, friedlich beieinander wohnen. (Jesaja 65,17ff.)

 

Jedem war damals klar: Noch ist es inwiewenn, aber einmal wird das, was heute noch Traum ist, ganz normal sein. Wie wäre das bei mir? Wie würde ich leben, inwiewenn schon alles anders wäre? Wie, wenn sogar die Coronakrise vorbei wäre? Für mich ist klar: Zu meinem ganz normalen alten Leben, möchte ich nicht mehr zurück. Ich habe es viel zu sehr genossen, dass sich in letzter Zeit viele Wenn-Dann-Sätze umgedreht haben. „Wenn wir fertig gespielt haben, dann setze ich mich an den Schreibtisch“ – das habe ich vor Corona in dieser Reihenfolge zu selten gesagt. Und ich habe das Gefühl: Nicht nur bei mir hat sich etwas verändert. Ich nehme zum Beispiel wahr, dass Menschen immer noch schneller telefonieren als früher und nachfragen, wie es dem Bekannten geht. Sie tun das, weil sie zu Beginn der Krise erlebt haben, wie gut es tut, sich nach einander zu erkundigen. Ich sehe zum Beispiel auch, wie sich Menschen Mühe geben, neue Wege für Familienfeiern zu finden. Wie sie Tische in den Garten der Urgroßeltern schleppen, damit man sich an der frischen Luft sicher sehen kann. Ich kenne Pakete, die von Großeltern gepackt werden und mit altem, aufpolierten Spielzeug vom Dachboden bestückt sind, das Kinder jubeln und Eltern in Erinnerungen schwelgen lässt. Allerorten werden alltägliche Gegenstände zweckentfremdet, umgewidmet, ganz neu betrachtet und überraschend kombiniert. Auch bei uns in der Gemeinde ist es so. Dass sich unsere Gottesdienste gerade so wenig frei und gelöst anfühlen, regt immer mehr Menschen zum Träumen an: So isch’s grad irgendwie nix. Aber wie müsste es denn sein, damit es schön ist?

 

Die erste Schreckphase der Krise ist vorbei. Vorbei die Zeit, in der sich das Rädchen da oben noch pausenlos gedreht hat. Und noch ist „Danach“ nicht da. Wir können die Zeit nutzen und träumen – von einer Welt und einer Gemeinde, die so ist, wie wir sie gern hätten. Und das Schöne ist: Wir müssen nicht mal beim Träumen bleiben. Jetzt haben wir die Chance, schon so zu leben als ob…

 

In diesem Sinne – tun Sie mal so inwiewenn!

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl