Im Schlaf gegeben

Letzte Woche war ich seit längerer Zeit wieder in der Wilhelma. Und es war mal wieder ein Highlight. Meine Tochter und ich nehmen eigentlich immer dieselbe Route. Erst laufen wir schnurstracks von den Pinguinen zu den Seelöwen. Dann folgen wir dem Rundweg ziemlich zügig bis wir bei den Raubtieren und den Elefanten angekommen sind. Die meiste Zeit verbringen wir vor dem Löwenaußengehege. Mich faszinieren die Könige der Tiere schon lange. Mittlerweile gibt es noch weitere Raubkatzen-Fans in unserer Familie. Also verweilen wir gerne bei ihnen und sind damit beschäftigt zu warten. Ja, wir warten und zwar darauf, dass sich einer von den Löwen mal bewegt. Denn meistens liegen diese Tiere nur schlafend im Schatten herum. Manchmal hebt einer von ihnen während unserer Wartezeit einmal kurz den Kopf. Nur selten erleben wir, wie tatsächlich einer von ihnen aufsteht, ein paar Schritte geht und sich dann wieder hinlegt.

Ich bin jedes Mal aufs Neue beeindruckt, wie sich diese Tiere dem Schlafen oder dem Ausruhen hingeben können. Nichts kann sie aus der Ruhe bringen. Ein bißchen neidisch bin ich auf die Löwen. Hat doch das Schlafen und Ruhen für uns oft den Beigeschmack des Faulenzens. So gebe ich nur leicht verschämt zu, wenn ich trotz Kindern mal wieder bis 8 Uhr geschlafen habe oder gar einen Mittagsschlaf gemacht habe. Schlafen bedeutet schließlich, dass ich in dieser Zeit nichts gearbeitet habe.

Den Löwen ist das egal. Sie tun’s einfach, ganz nach dem Motto: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“ (Ps 127,2b)

Diesen Satz können wir wirklich so in der Bibel lesen. Liest man diesen Satz im Kontext der ganzen Bibelstelle, als den ganzen Psalm 127, wird es noch bequemer:

Umsonst ist es, dass ihr früh aufsteht und spät euch niedersetzt, dass ihr Brot der Mühsal esst. Dem Seinen gibt er es im Schlaf.“ (Ps 127,2)

Na, das ist doch was: ein Aufruf zum Nichts-Tun, zum Faulenzen. Das klingt in unseren Ohren fremd und ungewöhnlich. Für uns gehört das Nichts-Tun eigentlich nur in den Urlaub oder zum Sonntag, aber nicht in die Zeit zwischendrin?

Wie soll das auch funktionieren?

Genau das haben sich die Menschen zur Entstehungszeit dieses Psalms auch gefragt. Sie mussten nämlich ebenfalls sehr viel und hart arbeiten, um ihren Lebensunterhalt überhaupt bestreiten zu können.

Diese Worte standen damals und sie stehen heute im kompletten Gegensatz zur Realität.

Und dennoch steckt eine ganze wichtige Einsicht und damit verbunden ein ganz wichtiger Aufruf in diesen Bibelversen, der uns gerade im oft arbeitsreichen Alltag hilfreich sein kann:

Die Worte erinnern uns nämlich daran, dass wir uns nicht alles erarbeiten können.

Es gibt Bereiche des Lebens, in denen wir sozusagen beschenkt werden müssen.  Für die Menschen im Alten Orient waren das die sogenannten Gottes-Geschenke. Zu diesen zählte unter anderem der gute Schlaf. Der gute Schlaf wird uns als Zeit von Gott gegeben, um Luft zu holen, um Leib und Seele zur Ruhe und dadurch zur Kraft kommen zu lassen. Diese Zeit der Regeneration und Erholung kommt aus Gottes Händen, um uns etwas Gutes zu tun.

Die Löwen in der Wilhelma haben das bereits verinnerlicht. Aber auch wir dürfen uns dem Nichts-Tun, dem Ausruhen und Schlafen guten Gewissens hingeben. Denn, wenn wir das tun, dann lassen wir los und vertrauen uns Gottes Wirken an. Dann können wir spüren, wie sich Gott unser annimmt und zwar uns mit unseren großen und kleinen Freudenmomenten, aber auch mit unseren leergefegten Kraftspeichern und mit Sorgen gefüllten Köpfen. Gerade beim Loslassen können wir erleben, wie wir wieder gefüllt werden von Gottes stärkendem Segen.

In diesem Sinne: Halten wir es mit den Löwen! Geben wir uns dem guten Schlaf hin und lassen uns von Gott mit Segenskraft füllen.

Ihre Pfarrerin Eva Engelking