Hungrig und durstig nach Gerechtigkeit?

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„Das ist so ungerecht!“ Dieser Ausruf schallte bei uns des Öfteren lautstark durchs ganze Haus – mal war ich selbst die Brüllende, mal eines meiner beiden jüngeren Geschwister. Meist ging es natürlich darum, dass einer von uns ungerecht behandelt wurde im Gegensatz zu den anderen beiden. Da gingen die Meinungen zum Teil sehr weit auseinander. Einig waren wir uns dafür aber umso mehr in der Intensität unseres Empört-Seins.

„Das ist so ungerecht!“ Immer noch ist dieser Ausruf ein vertrauter für mich. Doch ehrlich gesagt rufe ich ihn mittlerweile nicht mehr lauthals durchs ganze Haus. So ausdauernd und intensiv wie früher empöre ich mich nicht mehr über Ungerechtigkeiten. Das ist mir bewusst geworden, als unser diesjähriger Traineejahrgang vergangenen Sonntag einen Gottesdienst zum Thema „Gerechtigkeit“ vorbereitet hat. Bei den 6 Jugendlichen sprudelte es nur so, als sie gefragt wurden, in welchen Alltagssituationen ihnen Ungerechtes begegnet ist. Die Bandbreite war beeindruckend und reichte über Erfahrungen aus der Schule bis hin zu ungerechten Arbeitsbedingungen für Textilarbeitende in den ärmsten Ländern. Sie empörten sich leidenschaftlich über diese Ungerechtigkeiten.

Als ich diesen jungen Menschen zuhörte, kam mir ein Satz Jesu aus dem neuen Testament in den Sinn: Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. (Mt 5,6)

Was für eine passende Wortwahl: wirklich hungrig und durstig kamen sie mir vor beim Aufzählen ihrer Erlebnisse. Und letztlich geht es beim Thema Gerechtigkeit ja auch wirklich um Grundbedürfnisse des Lebens: denn gerecht geht es nur dann zu, wenn alle Menschen zu ihrem Recht kommen und das bekommen, was sie zu einem guten und erfüllten Leben wirklich brauchen.

Umgekehrt sind also ein flauer Magen und ein ausgetrockneter Mund die Folge, wenn ich das Gegenteil erlebe: wenn wenige sehr gut leben und viele stattdessen menschenunwürdig leben. Oder, wenn der eine nicht zu seinem Recht kommt, nicht angehört und stattdessen abgestempelt wird. Gerade dann werden der Hunger und der Durst nach Gerechtigkeit besonders groß.

Hunger und Durst nach Gerechtigkeit spüre ich noch immer. Aber ich rede nicht mehr so oft darüber und ich empöre mich nur selten darüber. Zum einen passiert tagtäglich so viel, dass ich manchmal gar nicht mehr hinterher komme mit Empören. Und zum anderen habe ich mich wohl auch daran gewöhnt, dass ich in den meisten Situationen sowieso nichts ändern kann. Vielleicht geht es dem einen oder der anderen wie mir.

Wenn ich nun aber die Worte Jesu noch einmal lese, dann bleibe ich beim letzten Teil des Satzes hängen: „denn sie werden satt werden.“

Auf meine Handlungsunfähigkeit kann ich mich nun also nicht mehr zurückberufen. Die Worte sind eindeutig: mein flauer Magen wird satt werden und meine trockene Kehle wird genug Wasser bekommen. Mit anderen Worten: Veränderungen zu mehr Gerechtigkeit sind möglich. Ich und wir alle werden ermutigt diesem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit nachzugehen, ihm Ausdruck zu verleihen und nicht einfach nur darüber hinwegzugehen.

Ein hoffnungsvolles Beispiel dafür sind für mich die „Fridays for Future“ Demonstrationen. Geteilte Empörung über Unrecht kann etwas bewegen. Diese jungen Menschen, inspiriert durch die Schwedin Greta Thunberg, haben es immerhin geschafft Umweltschutz als Gerechtigkeitsthema in die Köpfe der „Großen“ zu bringen. Nun bleibt es spannend, was die Weltgemeinschaft daraus macht.  

 „Das ist so ungerecht!“ Na - in welcher Situation kommt Ihnen dieser Satz in den Sinn? Wann wird es Ihnen ganz flau im Magen vor erlebter Ungerechtigkeit?

In diesem Sinne - Lassen wir uns doch daran teilhaben!

Ihre Pfarrerin Eva Engelking