Guter Riecher

Kaum etwas löst so unmittelbar Emotionen in uns aus wie das, was wir riechen. Gerüche wecken Erinnerungen – Erinnerungen an Schweres oder Schönes. Unser Geruchssinn ist etwas ganz Ursprüngliches und wahrscheinlich hat er sich geschärft, als der Vorläufer des heutigen Menschen seine Nase noch tief in Bodennähe trug. Er war darauf angewiesen, das richtig zu deuten, was er da roch: etwas Gefährliches oder etwas Nahrhaftes? Und er musste sich merken, was wie riecht – und so liegt unser Geruchszentrum im Gehirn ganz nah beim Gedächtniszentrum, aber weit entfernt von der Region, die für die Sprache zuständig ist.

Das erklärt, warum wir so schwer über Gerüche reden können: Beschreiben Sie zum Beispiel mal, wie heute Morgen die frische Luft gerochen hat, als Sie das Fenster oder die Haustür aufgemacht haben. Oder wie der Kaffee beim Frühstück geduftet hat und wie Weih-nachten riecht.

Gar nicht so einfach, oder?

Sie können beschreiben, ob es gut oder weniger angenehm riecht. Sie können auch sagen, es riecht wie…

Die Luft wie eine frische Brise, der Kaffee wie etwas Geröstetes, und Weihnachten riecht nach Zimt, Nelken und Lebkuchen. Aber konkreter wird es nicht. Sie werden immer nur den einen Geruch mit dem anderen vergleichen.

Es ist schon etwas Merkwürdiges mit dem Geruchssinn. Anders als beim Hören und Sehen müssen wir dazu etwas von der Welt in uns hineinnehmen: Tief einatmen bis ans Riechzentrum am oberen Ende der Nasenlöcher. Weit über 20.000 Mal tun wir das täglich, wenn wir ein- und ausatmen. Moleküle strömen in unseren Körper setzen sich dort oben fest und dann riechen wir. Und wir fühlen dabei etwas.

Was wir riechen, das kommt wirklich zu uns und in uns hinein. Nicht bei allen Gerüchen ist das eine angenehme Vorstellung. Manchen würden wir uns gern entziehen: einem verdorbenen Ei zum Beispiel, oder einem Hundehäufle unter dem Schuh und manchmal sogar dem Geruch eines anderen Menschen. „Den kann ich einfach nicht riechen“, sagen wir dann. Und inzwischen hat man herausgefunden, dass es tatsächlich so ist. Jeder Mensch hat einen einzigartigen Geruch – einzigartig wie der Fingerabdruck. Und er entscheidet auch mit, wie mein Verhältnis zu diesem Menschen ist.

Das alles ist nichts Neues. In der Bibel bin ich allerdings über einen unbekannten Vers gestolpert, also für mich unbekannt. Ich gebe offen zu, dass er mir so bewusst noch nie untergekommen ist. Im 2. Korintherbrief steht: „Gott aber sei gedankt, der uns allezeit Sieg gibt in Christus und offenbart den Wohlgeruch seiner Erkenntnis.“ (2. Kor 2,14)

Gott kann man riechen und er riecht gut – das verrät uns Paulus. Aber danach gehen auch ihm die Worte aus. Gott riecht und für Paulus ist es ein Wohlgeruch, aber wie genau, das muss jetzt jeder wieder selbst erfahren.

Ich habe wahrlich schon oft über Gott nachgedacht, habe mir überlegt, wie ich ihn mir vorstelle, welche Eigenschaften er für mich hat, wie es wäre, ihn sehen zu können, wie es ist, ihn zu spüren. Aber ans Riechen, habe ich nie gedacht. Und dabei passt das eigentlich so gut, wenn ich noch einmal überlege, wie Riechen und das ganze Drumherum funktioniert. Gerüche können wir nicht in Worte fassen. Gott auch nicht. Wir können Düfte nur beschreiben, wenn wir sie mit etwas anderem vergleichen. Das hat Jesus auch getan. Aus genau diesem Grund hat er Gleichnisse erzählt: Weil man Gott selbst nicht in einem Bild festhalten kann. Ich kann ihn nicht festlegen, auf ein Blatt Papier malen oder ihn so beschreiben, dass er für jeden, der das liest, ganz genau so ist. Wie einen Geruch können wir auch Gott nur vergleichen. Für mich ist Gott wie…

Und wenn ich Gott erlebe, dann begegnet er mir wie ein Duft. Er bleibt nicht auf meiner Haut oder vor meinen Augen, sondern dringt tief in mich ein, wie die Luft, die ich einatme oder eben wie ein Geruch, den ich in mich aufnehme, ohne darüber nachzudenken. Und dort, in mir drin, löst er etwas aus. Er kann mich besänftigen wie der Geruch von Lavendel im Sommer, er kann mich aber auch elektrisieren und anstacheln wie ein Schwung Pfeffer, der mir beim Kochen in die Nase steigt. 

Wo ich Gott einatme, da weckt er Erinnerungen an frühere Begegnungen, er beruhigt mich oder weckt mich wieder auf – er breitet sich in mir aus, wie ein Wohlgeruch.

Und wenn ich wieder ausatme, dann mag der Geruch äußerlich verflogen sein, aber er hat sich mit mir verbunden und ich strahle ihn aus und ich atme ihn weiter. Andere können Gott dann durch mich sehen oder hören, sie spüren, wie Gott ihnen begegnet und vielleicht weht ihnen so auch ein Hauch von Freiheit oder der Duft der Liebe um die Nase.

Den Wohlgeruch Gottes, den können wir nicht konservieren. Aber wir können ihn in uns hineinfließen lassen und dann wieder in die Welt hinausschicken.

In diesem Sinne – auf die Nase, fertig, los!

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl

Text: Pfarrerin Isabella Bigl / Kirchgasse 15 / 71686 Remseck // Bild: www.pixabay.com/niekverlaan