Geschichte mitschreiben

Wer die Wochenpost aufmerksam liest, der kennt schon den ein oder anderen Schwank aus meiner Jugend. Oder hat zumindest gelernt, dass Ponal eigentlich fast immer hilft. Das hat erst letzte Woche wieder hervorragend geklappt!

Heute gibt es eine neue Geschichte, dieses Mal vom Esstisch meiner Eltern. Mein Vater kam jeden Tag in seiner Mittagspause nach Hause, um mit uns zu essen. Meine Schwester, er und ich kamen in der Regel fast zeitgleich zu Hause an und die Bedürfnisse beim gemeinsamen Essen waren in unserer Familie ganz unterschiedlich verteilt. Ich wollte vor allem reden – viel – die anderen drei hätten gern ihre Ruhe gehabt oder wollten zumindest auch ab und zu mal was sagen. Oft hatten sie nicht den Hauch einer Chance. Und so entstand bei uns der Code: „Hasch du eigentlich keine Hausaufgaben?“ Diesen Satz sprach mein Vater immer dann aus, wenn er mir freundlich, aber doch unmissverständlich mitteilen wollte, dass auch andere am Tisch gern zu Wort kommen würden.

Dass Menschen Geschichten erzählen wollen, scheint ein Urbedürfnis zu sein. In der Kommunikationsforschung gibt es die Theorie: Eine Krise ist erst dann vorbei, wenn es eine Geschichte dazu gibt – eine Erzählung, die beschreibt, was da eigentlich gerade passiert ist. Erst wenn diese Geschichte fertig ist, gilt eine Krise als beendet. Solange die Erzählung noch entsteht, lebe ich in einem Umbruch, bewältige ihn oder arbeite mich daran ab. Hinterher erinnere ich mich in verschiedenen Teilen an diesen Lebensabschnitt und erzähle ihn meistens in drei Häppchen. Da gibt es dann eine Einleitung – „Weißt du noch, wie das vorher war? Früher, als alles gut war.“ Es gibt einen Hauptteil – „Und dann war das schlagartig vorbei. Ich erinnere mich noch genau an diesen Freitag, als das Klopapier alle und sogar die Hefe ausverkauft war!“ Und einen Schluss: „Seitdem ist alles anders. Ich bin auf einmal viel ängstlicher als vorher.“ Oder wagemutiger, sensibler, nicht mehr unbeschwert. Einfach anders.

So eine Erzählung ist vor allem wichtig, wenn es um einen großen Einschnitt geht. Der muss in handliche Päckchen verpackt werden, damit ich die neue Situation überhaupt tragen oder ertragen kann. Erst wenn ich einen Schockmoment und seine Nachwirkungen zähme, indem ich beschreiben kann, was mir zugestoßen ist, erst dann verliert er seine Übermacht und die Kontrolle über mein Leben. In dem Moment, in dem ich anfange, darüber zu sprechen, ordne ich die gemachten Erfahrungen ein in das Bücherregal meines Lebens. Nicht nur mit Krisen ist das so. Das tun wir auch mit den schönen Momenten. Mit den Geschichten vom Kennenlernen des Partners, die Erinnerung an die Geburt der Kinder, den ersten Tag als Azubi oder den letzten, den Abschied in den Ruhestand – zu allem erschaffen wir eine Erzählung. So entsteht unsere Lebensgeschichte.

Das eindrücklichste Beispiel für so ein erzähltes Fotoalbum ist für mich die Geschichte vom Volk Israel. Da ist genau das passiert: Eine Erzählung reiht sich im Alten Testament an die andere. Mose im Körbchen, damit es überhaupt losgehen kann, Mose am Dornbusch, Mose, der mit dem Pharao verhandelt, dann die Plagen, der Auszug aus Ägypten, die vielen, vielen Jahre in der Wüste, Steinplatten, Goldenes Kalb, Brot vom Himmel, Murren und Zusammenhalt – und immer wieder Gott. Mal als Wegweiserwolke, mal als helle Feuersäule.

Am Ende geht es gut aus. Die Israeliten kommen an. Die große Durststrecke ist überstanden und alles wird zu der einen großen Geschichte. Bis heute dient sie Juden als Deutungsmuster. Nicht nur für die große Perspektive ihres Volkes, sondern für ihr ganz eigenes Leben. An jedem Sabbat geben sie die Väter an ihre Kinder weiter und am Ende steht die wunderbare Erkenntnis, dass es gut ausgegangen ist und deshalb auch immer wieder gut ausgehen wird. Wer diese Geschichte weitergibt, der spürt: „Der Herr, dein Gott, wird auch den Bund halten und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat, und wird dich lieben und segnen und mehren.“ (5. Mose 7,12+13)

Mir gefällt diese Art, den Glauben zu leben und deshalb habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Geschichten zu erzählen, das kann ich und das tue ich. Ich denke dabei noch manchmal an die Frage: „Hasch du keine Hausaufgaben?“ Doch, die habe ich. Die aktuelle Krise ist noch nicht vorbei, weil wir noch keine endgültige Geschichte dazu haben. Wir sind noch mittendrin und deshalb haben wir die Chance, daran mitzuschreiben. Darum erzähle ich Geschichten aus meinem Leben, ich beschreibe, welche Erinnerungen bei mir wach werden und was das mit meinem Glauben zu tun hat. Ich mache das, weil ich denke:

Wir haben es in der Hand, wie wir von der Zukunft reden.

Ob es eine Geschichte vom Bösewicht wird, der am Ende gewinnt und uns bitter zurücklässt, oder ob wir aus dieser Krise neu, aber nicht schlechter hervorgehen, ob wir unsere Geschichte mit oder ohne Gott erzählen – das liegt an uns.

 

In diesem Sinne – Sie haben Hausaufgaben!

Ihre PfarrerinIsabella Bigl