Geisterstunde

In der Aldinger Kirche spukt es seit Montag! Und wir sind Schuld. Also nicht ich, sondern meine Tochter. Aber ich hab sie gewähren lassen. Ich trage also eine Mitschuld daran, dass sich in der Margaretenkirche ein Nachtgespenst eingenistet hat. Sorry, liebe Aldinger!

Das Segensreich-Team hat für die Woche vor Pfingsten Stationen aufgebaut. Auf ganz unterschiedliche Weise kann man dort dem Heiligen Geist auf die Schliche kommen. An einer Pinnwand konnte man aufschreiben, wo der himmlische Tröster durch die deutsche Sprache geistert. Als wir am Montag als eine der ersten die Kirche stürmten, waren nur wenige Zettel dort zu finden. Begeisterung zum Beispiel. Zu abstrakt für eine 5-Jährige, dachte ich und wollte unauffällig die Tauben-Bastel-Ecke ansteuern. „Ha, ich hab was! Ich kenn auch ein Wort mit Geist drin!“ – krähte es da neben mir. Schon hatte ich einen Zettel vor der Nase, von dem mich ein Nachtgespenst anschuhute. „Ein Gespenst, also ein GEIST!“, raunte mir meine Tochter verschwörerisch zu. Der Kinderstolz war so groß, dass ich nicht anders konnte, als den Geistesblitz aufzuhängen. Unser Sohn kicherte, sichtlich beeindruckt von der Genialität der Schwester. Und vielleicht auch, weil er Gespenster ziemlich lustig findet. Seit wir die Frieder-Geschichten gelesen haben, ist für ihn nämlich ganz klar, dass das immer Kinder sind, die sich eine Tischdecke übergeworfen haben.

 

Mit ihm war ich schnell einig: Wir hängten den Zettel auf, aber „gell, Gespenster gib’s ja gar nich“! Nee… Doch, sagt die Bibel! Sogar Nachtgespenster – in echt! Zu Hause habe ich nämlich die Stichwortsuche angeschmissen und nachgeschlagen, wo Gespenster in der Bibel eigentlich vorkommen. Eine Stelle kannte ich immerhin: Als Jesus seinen Jüngern einmal bei Nacht im Sturm auf dem Wasser entgegenkommt, da fürchten sie um ihr Leben, weil sie denken, ein Gespenst wandelt auf sie zu. Mit mehr hatte ich aber wirklich nicht gerechnet. Und deshalb war ich baff, als ich diesen Vers entdeckte:

 

Wildkatzen treffen auf Hyänen, Bocksgeister begegnen einander. Sogar das Nachtgespenst ruht sich dort aus und findet eine Bleibe für sich.Jesaja 34,14

 

Aus diesem Kapitel schreibe ich extra nur einen Vers hin. Jesaja beschreibt das Gericht über die Edomiter, das Brudervolk Israels. Die beiden verbindet eine innige Hassliebe. Wenn man liest, was den Edomitern blüht, dann wird´s einem himmelangst. Die schlimmste Geisterstadt im wilden Westen ist gemütlicher als der Steinbruch, der da übrigbleibt. Nach dem Gericht sind die Berge blutgetränkt und das Land steht in Flammen. Wilde Tiere erobern sich die Zivilisation zurück und der ehemalige Palast versinkt in einem Dornröschenschlaf, von Dornenranken überwuchert. Da will echt keiner wohnen, außer dem Nachtgespenst halt. Das findet es dort ziemlich heimelig. Luther nennt es beim Namen: Lilith lässt sich dort nieder – ein weiblicher Geist und nächtlicher Dämon. Sie wird zum Sinnbild für den verlassenen Ort: Wo sie ist, da kann kein Mensch mehr bleiben. Das will Jesaja seine Leser ziemlich deutlich wissen lassen: Wo sich die Menschen gegen Gott wenden, da kann man nicht mehr gut leben.

 

Sodele und wie krieg ich jetzt die Kurve zu Pfingsten? Ein paar Tage später waren wir wieder in der Kirche. Unser Nachtgespenst hing noch in der Ecke neben einer Efeuranke. Fast so, wie in Edom. Aber auf der anderen Seite sind jetzt noch mehr Ideen zu lesen: „Der Heilige Geist tröstet uns“, steht da, oder Worte wie geistreich, Freigeist oder geistesgegenwärtig. Lauter schöne und positive Dinge. Auf einer zweiten Tafel werden die Gaben und Talente gesammelt, die der Heilige Geist in uns Menschen wachkitzelt: andere motivieren, Geschichten erzählen, begnadet singen oder malen. Und auf einer dritten Tafel sind Trostworte zu finden. Kurz: Inzwischen ist dort alles zu entdecken, was wir mit Pfingsten verbinden.

 

Und auf einmal geht es dann nicht mehr um ein fremdes Kirchenfest irgendwo zwischen Ostern und Weihnachten, sondern um mich. Um das, was ich kann, um das, was mich antreibt und um das, was mich durchs Leben trägt. Das ist nämlich kein Plagegeist, der mich vorwärts quält und kein Nachtgespenst, das mir Angst einjagt. Plötzlich stehe ich in der Kirche und ahne, dass es stimmt: Als Christen sind wir erfüllt, nicht von einem Geist Furcht, der Rache und Zerstörung, sondern von einem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Und das spüre ich oft: Wo Menschen in Gottes Nähe leben, da weht ein anderer Geist.

 

Und das feiern wir am Sonntag. Pfingsten ist keine Geisterstunde, in der ein Gespenst herabschwebt, das wir nicht erhaschen können. Den Heiligen Geist, den können wir tatsächlich nicht sehen oder nach ihm greifen, wie nach einer Tischdecke. Aber ihn spüren, das geht sehr wohl. Zur Zeit erlebe ich Kirchengemeinden ganz besonders als geistreiche Orte: Noch immer wird der Ton in unserer Gesellschaft rauer. Viele Schreckgespenster stellen den Menschen nach. Ganz aktuell haben die einen Angst, dass sie geimpft werden müssen und die anderen treibt die Sorge um, dass sie keinen Termin ergattern. Manchmal habe ich wirklich für einen Moment das Gefühl, dann eine Hyäne aus dem Augenwinkel zu sehen. Und deshalb empfinde ich Gemeinden als Oasen in dieser wilden Zeit. Ich genieße es, dass wir noch immer Gottesdienste feiern können und uns dort sehen dürfen. Hier erlebe ich, was es heißt: Wir leben in einem anderen Geist. Uns verbindet ein Geist, der jeden anders berührt hat und trotzdem alle verbindet. Wo er weht, kann kein Nachtgespenst Ruhe finden.

 

In diesem Sinne – lassen wir es am Sonntag kräftig geistern!

Ihre Pfarrerin

Isabella Bigl

 


 

Text: Pfrin. Isabella Bigl / Kirchgasse 15 / 71686 Remseck // Bild: privat