Liegengebliebenes aufARBEITen – Gedanken zum Tag der Arbeit am 1.Mai

Geht es Ihnen auch so? In diesen Tagen kann man manches Liegengebliebene aufARBEITen. Der Nachbar legt den Rasen hinter dem Haus neu an. Andere schleifen Möbel ab und streichen sie. Ordner, Schränke, Schubladen werden ausgemistet und neuer Platz geschaffen.

Überhaupt hat sich die ARBEIT für viele von uns grundlegend gewandelt. Viele praktizieren Homeoffice. Manche haben Kurzarbeit. Andere fürchten um ihren Arbeitsplatz und um ihr Auskommen. Läden und Firmen blieben und bleiben z.T. weiterhin geschlossen. Andere Arbeiten werden aufgewertet: Medizinisches Personal, Verkäuferinnen haben plötzlich Hochkonjunktur. Aber auch Freiwillige, die Schutzmasken nähen oder Einkäufe für andere tätigen. Ich wünsche mir sehr, dass diese Erfahrungen nachhaltig sind und zu einem neuen Wirtschaften und zu neuer, auch finanzieller, Bewertung von Arbeit führen.

Im Moment kommt aber noch ein anderer Aspekt von ARBEIT in den Blick: die seelische und die zwischenmenschliche Arbeit. Die Nerven liegen blank. Man muss umgehen mit eigener schlechter Laune und mit Stress im Zusammenleben. Umgekehrt habe ich Sehnsucht nach meinen Gruppen und Kreisen, nach Schüler*innen und Konfirmand*innen. Endlich mal wieder was gemeinsam machen: Singen, Spielen, Gedanken teilen.

Warum die Zeit eigentlich nicht nützen, um auch zwischenmenschlich Liegengebliebenes aufzuARBEITen? Im Johannes-Evangelium macht Jesus uns das vor (Joh.21). Als Auferstandener begegnet er den Jüngern am See Genezareth. Sie essen miteinander. Jesus sitzt neben Petrus. „Hast du mich lieb?“ fragt Jesus. „Ja“ sagt Petrus. – Aber ihm fällt sofort ein, wie er sich am Abend von Jesu Verhaftung verhalten hat. Weggelaufen ist er. Verleugnet hat er Jesus. Dreimal. „Hast du mich lieb?“ fragt Jesus noch einmal. Kein Bohren in alten Wunden. Das Alte soll nicht mehr zählen! Nur die Frage „Hast du mich lieb? Wollen wir wieder gut miteinander sein?“

Wie wäre es, in diesen Tagen Kontakt aufzunehmen zu Freunden*innen, von denen man sonst eher selten hört. Verstärkt Anteil zu nehmen an dem, was einzelne Familienmitglieder beschäftigt. Vielleicht gar wirklich zu verzeihen, wo Fronten verhärtet sind. In einem meiner Lieblingsgedichte heißt es:

Werk des Gesichts (d.h. die Arbeit im Außen)
ist getan
tue nun
Herz-Werk
an den Bildern in dir
den gefangenen

(Rainer Maria Rilke)

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen – auch im Namen meiner Remsecker Kollegen*innen – einen gesegneten Tag der Arbeit.

 

Ihre Pfarrerin Irmtraut Aebert