Friedenstauben aus Denkzetteln

Wir wohnen in einem Haus mit vier Stockwerken. Das hat so einige Nachteile. 39, um genau zu sein – Treppenstufen meine ich. Die winden sich bei uns offen durchs Haus, sodass man von ganz oben bis nach ganz unten schauen kann.

Die Nachteile liegen auf der Hand. Vielleicht kennen Sie das ja: Sie stehen ganz unten an der Haustür und bemerken, dass diese besonders praktische Fleecejacke, die jetzt so geschickt wäre, im Schlafzimmer unterm Dach liegt. Nochmal hochhecheln oder frösteln?

Einen enormen Vorteil haben wir jedoch alle schnell erkannt: Unser offenes Treppenhaus wurde binnen kürzester Zeit zum Wäscheschacht. „Schmutzschleuse“ haben wir die Geheimfunktion unseres Hauses liebevoll genannt. Man muss sich das so vorstellen: Ist ein Geschirrtuch nass und reif für die Wäsche? Dann genügt ein geübter Schwung aus dem Handgelenk, um es zielsicher vor die Kellertür zu befördern. Mit Kindersocken aus dem Stockwerk darüber geht das auch ganz fabelhaft. Die Schmutzschleuse war unser Freund. Sie hat uns so manchen Weg erspart und wir standen kurz davor, das Konzept zur Perfektion zu bringen. Und dann kam Corona. Und damit der Lockdown. Selbst für unsere Schmutzschleuse. In Form von Friedenstauben.

Und das kam so: Gleich in der zweiten Woche der „Corona-Ferien“ waren wir sonntags im Kindergottesdienst. In Bayern via Livestream. Am Ende wurde vorgeschlagen, Vögel zu falten. Also haben wir gefaltet und zwar lang. Die meisten Exemplare haben wir zu Brieftauben gemacht und sie an die gesammelte Verwandtschaft verschickt. Aber der Friedensschwarm war immer noch so groß, dass wir nach einem guten Platz für ihn suchen mussten. So kam es, dass ein Zweig bei uns Einzug gehalten hat. Frei schwebend, direkt in der Schmutzschleuse.

Der Ast hängt nun mitten im Treppenhaus und ist voller Papiertauben – eine filigrane Angelegenheit. Eines Morgens hing eine verirrte Socke im Gehölz. Die ist wohl aus Versehen dort gelandet – Macht der Gewohnheit. Sie hatte eine Taube auf dem Gewissen und seitdem achten wir peinlich genau darauf, unser cleveres Transportsystem nicht mehr zu nutzen. Wir merken, dass uns das nach gerade mal einem Jahr wirklich Konzentration abverlangt.

„Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.“ (Jesaja 43,18-19)

Nicht an das Frühere denken, ist gerade jetzt leichter gesagt als getan.

Meistens gelingt mir nur das Gegenteil: Ununterbrochen an das „Damals“ zu denken. An das, was „vor Corona“ nie zur Debatte stand: Der Gang ins Büro, der Abschied von den Kleinen an der Kindergartentür, die Fahrt mit der U12, Gottesdienste. Noch schwerer fällt es mir bei den Zwischenmenschlichkeiten: Ich würde so gern mal wieder meine Eltern sehen und in den Arm nehmen oder unsere Tochter zu ihrer Freundin lassen. Und wie viele Großeltern wünschen sich, ihre Enkel auf dem Schoß zu haben und sie nicht nur über den Gartenzaun zu sehen. Das alles tut weh und ich fühle mich sozial ausgetrocknet.

Dazu kommt, dass sich mein Gefühl in der letzten Woche verändert hat. In der Anfangsphase klang alles nach Ausnahmezustand. Da hieß es durch-halten und besondere Aktionen planen. Alles war darauf ausgelegt, ein paar zähe Wochen zu überbrücken. Jetzt zeichnet sich ab, dass dieser Ausnahmezustand noch lange unsere Normalität prägen wird und dass wir uns mit ihr häuslich einrichten müssen. Noch geht es mir so, wie mit den Tauben in der Schmutzschleuse: Ich habe das Gefühl, mein normales Leben flutscht nicht mehr so richtig. Das frustriert mich oft genug.

Und dann warte ich darauf, dass Gott mir eine Friedenstaube schickt. Ein zartes Zeichen dafür: „Ich will ein Neues schaffen.“ Ein filigraner Moment, der meine Trauer über das, was ich gerade vermisse, ein bisschen erträglicher macht.

Niemand sagt, dass es leicht wird, neue Routinen zu entwickeln, aber ich sehe an vielen Stellen eine rebellische Kreativität. So wie bisher kann es gerade nicht sein, aber ich glaube an einen Gott, der immer wieder aus wüsten Wegstrecken etwas Lebendiges wachsen lässt. Und deshalb bin ich mir sicher, dass er uns Ideen schenkt und dass es uns gelingen wird, die neue Zukunft bewohnbar zu machen.

Wer weiß, was uns in der Not alles einfällt? Vielleicht ist die ein oder andere Errungenschaft ja aus Versehen ganz schön? In Kornwestheim gibt es eine Kooperation zwischen Kirche und Autokino. Mit meiner Mutter haben die Kinder neulich per Videoanruf Kaspertheater gespielt – jeder mit seinen Puppen. In manchen Nachbarschaften gibt es abendliche Gartenpartys über die Rabatte hinweg. Und ich weiß von Ehepaaren, die es genießen, dank Homeoffice endlich gemeinsam essen zu können. Für unseren Glauben und unser Leben müssen wir neue Wege finden. Und das werden wir. Manches wird nur ein vorübergehender Trampelpfad sein. Andere Dinge werden hängen bleiben – so wie unser Zweig. Ich bin davon überzeugt: Nicht alles wird schlecht sein.

Also: Wie wäre es, wenn wir aus den Denkzetteln, die uns das Leben gerade verpasst, Friedenstauben falten?

In diesem Sinne – fangen Sie an, zu basteln!

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl