Frau Häberle

Ich hab einen Engel getroffen. Echt jetzt! Letzte Woche. Beim Metzger. Kein Witz. Lachen Sie ruhig – hab ich auch gemacht. Es war ein paar Orte weiter und deshalb kann ich hier ruhig aus dem Nähkästchen plaudern. Um die Mittagszeit herrschte an der Fleischtheke Hochbetrieb, Verkäuferinnen und Kundschaft kämpften mit dem Stress, den die Warteschlange auf der Straße verursachte. Nur zwei Damen hatten die Ruhe weg. Eine Verkäuferin und Frau Häberle. Sie hieß natürlich nicht so, aber ähnlich typisch-schwäbisch. Die zwei standen eine Weile versunken da und starrten ins Nichts. Die eine über die Theke hinweg, die andere hinein. Nach einiger Zeit sagte die Verkäuferin dann: „So, Frau Häberle, wie isch´s?“. Und Frau Häberle erwachte: „Jesses, jetzt war i ganz weg.“ „I woiß“, erwiderte die andere, „I han denkt, I lass Sie oifach träuma. Des hemmer doch älle grad nötig.“ Mit ihrer nächsten Reaktion eroberte Frau Häberle mein Herz im Sturm: „Ha noi,“ sagte sie mit einer wischenden Handbewegung in Richtung Fleischauswahl, „I han bloß grad mei Woch em Kopf durchkocht!“ Ich musste kichern, Frau Häberle schaute mich frech von der Seite an und schon fühlte ich mich wie ihre Verbündete.

In den nächsten Minuten fiel mir auf, dass es scheinbar allen im Laden so ging. Egal, wer vorbeikam, jeder begrüßte sie mit einem gut gelaunten: „Ha, Frau Häberle! Au do? Goht´s gut?“ Und danach, da geschah das, was Frau Häberle für mich so himmlisch machte. Ein Großteil der Belegschaft begann, ihr persönliche Dinge anzuvertrauen – das eigene Befinden zum Beispiel – und Frau Häberle nahm alles mit einem charmanten Lächeln wahr und auf. Von ihrem engelsgleichen Ursprung hat sie mich vollends überzeugt, als eine Verkäuferin ihre Beschäftigung für einen Moment unterbrach und zu ihr kam: „Frau Häberle, hen Se scho g’hört? Mei Mama isch g’storba.“ Sie hatte auf einen Moment gewartet, in dem Frau Häberle gerade „frei“ war, um ihren Verlust mit ihr zu teilen. Und Frau Häberle reagierte so mitmenschlich, dass mir ihre Worte seit einer Woche nachgehen. Ihre fröhliche Art wich einem tief traurigen Gesichtsausdruck und sie fand auf Anhieb die richtigen Worte. Mit wenigen Sätzen gelang es ihr, die Frau zu trösten, Anerkennung für die Verstorbene zum Ausdruck zu bringen und ihre Reaktion gipfelte in dem Satz: „Au gell, und des tut so arg weh!“ Ich weiß nicht genau, ob es im Laden wirklich für einen Moment stiller wurde, oder ob ich nur das Gefühl hatte, dass das kleinliche Alltagsgehetze pausierte, weil zwei Menschen sich ganz unvermittelt so nahe waren.

Frau Häberle begleitet mich in Gedanken jetzt schon viele Tage und ich frage mich, warum das so ist. Wir sind uns nur wenige Minuten begegnet, aber es fühlt sich an, als hätte ich Stunden mit Frau Häberle verbracht. Sie hat auf mich frech und fröhlich gewirkt, ganz echt und zufrieden mit sich selbst und sie hat das ausgestrahlt, was man heute als authentisch bezeichnet. Frau Häberle hatte für jeden das rechte Wort zur rechten Zeit und jonglierte scheinbar mühelos mit Mitgefühl, Freude und Trauer – einfach mit echtem Interesse an ihren Mitmenschen. Darum habe ich sie beneidet und umso mehr hat mich ein Bibelvers geärgert, der mir bei der Suche für diese Anekdote untergekommen ist.

Schaff uns Beistand in der Not;
denn Menschenhilfe ist nichts nütze.
(Psalm 60,13)

Diese Zumutung findet sich in Psalm 108 gleich nochmal, nahezu identisch: „Schaff uns Beistand vor dem Feind, denn Menschenhilfe ist nichts nütze.“ (Psalm 108,13) Die Verse haben mich so geärgert, weil das für mich wie ein Schlag in Frau Häberles gnitzes Gesicht klang. Das ist eine Abwertung all dessen, was wir seit Monaten predigen: Wir sollen füreinander da sein, jetzt erst recht, Nähe schaffen bei aller Distanz. Gerade das letzte, das bleibt für mich oft in der Schwebe. Es klingt so gut und gelingt in aller Tiefe nur selten. Aber bei Frau Häberle eben nicht. Sie kann das. Und da habe ich mir überlegt, wie es ihr gehen würde, wenn ich gesagt hätte: „Sparen Sie Ihre Kraft. Bringt ja doch nichts.“ Oder wenn ich das der Verkäuferin über die Theke zugeraunt hätte: „Denken Sie dran, Gott, schaffe du uns Beistand, denn Menschenhilfe ist nichts nütze!“

Wenn man die Verse in ihrem Zusammenhang liest, dann wird es nachvollziehbarer, warum die Psalmen so pessimistisch klingen. Sie sind im Krieg entstanden, in einer Situation, in der einer das Gefühl hatte: Alle sind gegen mich, um mich herum gibt es nur noch Feinde. Wer sich so fühlt, der kann Gottes Beistand natürlich nicht in menschlicher Gestalt spüren.

Aber heute ist es anders. Unsere Lage ist für viele bedrückend – nicht so schrecklich wie ein Krieg, aber auch belastend. Der zweite Lockdown schlägt aufs Gemüt und wir warten angespannt auf die Beschlüsse nächste Woche. Die Aussicht, liebe Menschen noch eine ganze Weile nicht treffen zu können, macht mir zu schaffen. Und auch abseits von Corona sind diese Novembertage und vor allem der kommende Totensonntag für viele eine echte Last. Dann bricht der Schmerz noch einmal auf, selbst wenn er in den letzten Monaten schon ein bisschen weniger geworden ist. Und da erlebe ich das Gegenteil zu den Psalmversen: Den Beistand Gottes, den erlebe ich zur Zeit vor allem durch Menschenhilfe. Und ich würde sogar sagen, nur die ist gerade etwas nütze. Ein anderes Hilfsmittel gegen Corona haben wir noch nicht und gegen die Trauer und den Tod erst recht nicht. Und deshalb glaube ich, dass Gottes Beistand durch Frau Häberle zu mir kommt und dass es ein Unding wäre, das nicht als so einen Beistand anzuerkennen.

Wenn ich alt bin, möchte ich auch gern wie sie sein. Ich hoffe, dass ich dann so viele Erfahrungen gesammelt und die nötige Herzensruhe habe, um jedem ehrlich zuhören zu können. Ich möchte auf die Kraft von wenigen, aber ehrlichen Worten vertrauen. Hoffentlich werde ich dann nicht schnell durch den Alltag huschen, die Woche in Gedanken durchkochen und in einem Gespräch schon beim Freitag sein, wenn mein Gegenüber noch ganz hier ist. Ich glaube, dass wir diesen Vers gerade anders lesen müssen, weil wir nicht unter Feinden sind, sondern unsere Mitmenschen mehr denn je brauchen. Sie sind unser Beistand.

In diesem Sinne – ein Hoch auf Frau Häberle!

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl