„Er ist nicht hier…“

Diese Worte des Engels an die Frauen am Ostermorgen hatten dieses Jahr eine besondere Bedeutung. Sie kamen mir in den Sinn, als ich am Ostermorgen in die leere Kirche kam, um mit den Bläsern für das Osterständchen auf den Kirchturm zu steigen.

„Er ist nicht hier“. (Mt. 28,6)

Der Engel meinte das Grab. Doch an diesem historischen Osterfest ohne Gottesdienst – das gab es vermutlich in tausend Jahren nicht – galt das auch für das „hier“ in der leeren Kirche: Keine Osternacht. Kein Festgottesdienst. Keine Gemeinde. Kein Gesang – kein „Christ ist erstanden“ – in das man frohen Herzens hat miteinstimmen können. Nur eine leere Kirche.

„Er ist nicht hier“, sondern …

vor dem Haus Kastanienblüte, wo Pfarrerin Goldmann mit dem Megaphon und drei Posaunisten unter freiem Himmel eine Osterandacht hielt. Er war in den Wohnzimmern, wo die Menschen morgens um 6 Uhr in Echtzeit die Aldinger Osternacht am Bildschirm mitfeierten. Er war bei der Andacht vor (!) der Wendelinskirche, als die Osterkerze entzündet wurde. Er war überall, wo die Bläser die Botschaft vom Auferstandenen von den Balkonen und Terrassen „verkündeten“. Er war – Gott kann auch digital! – im Whatsapp-Gottesdienst, „weil tatsächlich ein echtes Gemeindegefühl aufkam." (O-Ton Pfarrerin Bigl).

„Er ist nicht hier“, sondern dort, „wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind.“ (Mt. 18,20)

Diese protestantische Grundüberzeugung haben wir dieses Jahr an Ostern neu lernen dürfen: Unsere Kirchen sind keine „Gotteshäuser“ wie sie mitunter sehr unevangelisch bezeichnet werden. Sie sind keine geweihten Orte. Gott bindet sich nicht an Steine, sondern an Menschen. Es ist der gelebte Glaube der Gottesdienstgemeinde, der im Gesang und im Gebet unsere Kirchen heiligt.

Und deshalb bleiben die TV- und Internetgottesdienste nur eine Notlösung. Ein Wohnzimmer kann die Kirche nicht ersetzen und ein Bildschirm nicht die Gemeinschaft. Es fehlt die spirituelle Beheimatung an einem Ort, der seit vielen Hundert Jahren Menschen geistliche Zuflucht bietet. Es fehlen der gemeinsame Gesang, das gemeinsame Gebet, das Gespräch vor und nach dem Gottesdienst. Es fehlt die Gemeinschaft des „Leibes Christi“.

„so sind wir viele ein Leib in Christus…“ (Röm 12,5)

In dieser Woche öffneten die ersten Läden. Ja – es besteht weiterhin aller Anlass zur Vorsicht. Es ist gut, dass der Weg in so etwas wie Normalität in kleinen Schritten geschieht. Doch wenn man einem Baumarktbetreiber oder einem Modegeschäft zutraut, verantwortlich und im Rahmen eines Hygienekonzepts für eine begrenzte Personenzahl einen Verkauf zu organisieren, dann ist es nur schwer erträglich, dass man uns Kirchen das nicht zutraut.

Hoffen wir, dass wir bald – natürlich im kleinen Kreis – in unseren Kirchen wieder Gottesdienst feiern dürfen.

Jens Keil