Ein lebendigmachendes Gegenüber

Es gibt einfach geniale Worte. Das schwäbische „Vesper“ gehört für mich zum Beispiel dazu. Dieses Wort ist vielseitig einsetzbar und dennoch ist allen Beteiligten klar, sofern sie mit dem Schwäbischen vertraut sind, was zu einem „Vesper“ dazugehört. So kann man auf dem Schulhof ein belegtes Brot „vespern“, aber eben auch auf dem Berggipfel einen Landjäger und eine Brezel. Das hindert wiederum niemanden daran, dass es zum Abendessen auch ein „Vesper“ gibt. Einfach genial!

Es gibt einige dieser genialen Worte – auch in ganz anderen Sprachen und Dialekten. Ein ganz besonderes „Wort“ habe ich am vergangenen Sonntag im Gottesdienst durch die Gebärdensprachdolmetscherin Magdalena Marth gelernt. Dieses „Wort“ können Sie auf dem Foto sehen. Das Bild zeigt eine Gebärde. Gebärden sind ja sozusagen die Worte der Sprache, die für viele gehörlose Menschen die Muttersprache ist. Die nun auf dem Foto dargestellte Gebärde bedeutet, dass zwei Dinge miteinander verbunden werden. Ineinander verschlungen sind die Finger. Die Verbindung ist dadurch ganz fest.

Formt man die Gebärde so, dass die eine Hand mit ihren Fingern mehr nach oben zeigt als die andere, dann wird Gott zu einem Teil dieser festen Verbindung. Und ich bin dann der andere Teil.

In nur einer Gebärde kann die Verbindung zwischen Gott und mir ausgedrückt werden. Und sogar noch mehr: sie zeigt auch, was diese Verbindung ausmacht. Ich benötige in der Lautsprache hierfür deutlich mehr Worte, wie Sie merken.

 

Die Verbindung zwischen Gott und mir macht aus, dass sie in Bewegung ist. Sie ist nicht statisch und auch nicht einseitig. Sie ist dynamisch und zweiseitig. Das war mir besonders eindrücklich im Interview mit Magdalena Marth. Mal zieht die eine Seite, mal die andere. Mal zieht also Gott mich zu sich und lässt mich dadurch über mich hinauswachsen. Mal lässt Gott sich von mir ziehen in die Themen meiner Alltagswelt. Mal hält Gott mich fest, damit ich mich nicht von schlechten Nachrichten herunterziehen lasse. Mal lässt sich Gott als kraftgebender Bestandteil in meinem Leben festhalten. Ja, so hat sich Gott die Beziehung zu mir, zu dir, zu uns von Anfang an gedacht. Gott hat uns als echte Gegenüber ins Leben gerufen. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. […].“ (1. Mose 1, 27) So können wir es in der Bibel lesen.

Das Miteinander mit Gott soll also ein lebendiges Hin und Her sein. Gott ist da als Zugkraft, die die Beziehung immer wieder neu belebt. Gott hat aber auch großes Interesse daran, dass ich ihn zu mir ziehe und ihn Teil haben lasse an meinem Leben. Die ineinander verschlungenen Finger der Gebärde auf dem Foto bringen für mich genau das alles zum Ausdruck. In nur einem Wort sozusagen – Genial! Und noch viel mehr gibt es da zu entdecken – beim Betrachten dieser Gebärde und natürlich ganz besonders im Hin und Her des Miteinanders mit Gott. 

In diesem Sinne – Viel Freude bei Ihren eigenen Entdeckungstouren!

 Ihre Pfarrerin Eva Engelking

Foto: Magdalena Marth