Die Hoffnung flott kriegen

Als Kind habe ich von meiner Mutter gelernt, dass man nahezu alles im Leben mit Ponal reparieren kann. Mein Vater hat immer versucht, die Stimme der Vernunft gegen diese Einstellung zu erheben: Ponal ist nun mal ein Holzleim und kann bei weitem nicht alles zusammenhalten. Mama war beharrlich – fast schon störrisch. Vieles konnte sie tatsächlich mit der weißen Wunderwaffe kleben und das hat unserer Familie einen Dauerbrenner beschert: „Lass das Mama machen, die holt Ponal!“

Heute bin ich erwachsen, muss meine sieben Sachen selbst reparieren und Sie werden lachen: Ich habe mir bei meinen Eltern eine Flasche Ponal gemopst. Man weiß ja nie. Es ist nicht der gute Express-Leim – das habe ich mich dann doch nicht getraut. Aber auch die normale Ausführung hat mir schon oft weitergeholfen. Der Trick ist, dass man einfach ein bisschen länger drücken muss.

Letzte Woche habe ich meinen Schreibtisch aufgeräumt und da kam unter einem Papierstapel ein Holzesel zum Vorschein. Als meine Großtante ins Pflegeheim gezogen ist, durften wir uns eine Erinnerung aus ihrem Haushalt aussuchen. Sie hat neben uns gewohnt und wir waren oft bei ihr. Ich habe den Holzesel mitgenommen, weil ich schon immer von diesem Starrkopf fasziniert war. Ein guter Freund der Familie war Schnitzer und hat ihn gemacht. Seine Haltung wirkt so lebendig, dass man meinen könnte, gleich würde er davonspazieren. Und genau das will er nicht. Er macht das, wofür Esel bekannt sind: Sperrfüße. Er stemmt die Vorderläufe in den Boden, legt die Ohren an und schiebt sein Hinterteil bockig in die Höhe. Keinen Millimeter wird sich bewegen.

Vor einiger Zeit ist mir der Esel aus der Hand gerutscht und weil er schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, sind drei seiner vier Beine abgebrochen. Seitdem lag er auf meinem Schreibtisch und wurde unter mal   mehr mal weniger Ballast begraben. Bis ich mich gestern an die Allzweckwaffe meiner Mutter erinnert habe. Wenn Ponal irgendwo hilft, dann doch bei einem Holzesel!

In diesen Tagen frage ich mich manchmal: Hilft Ponal auch bei einer lädierten Hoffnung? Mir drängt sich das Gefühl auf, dass sie eine Generalüberholung dringend nötig hätte. Irgendwie kommt die Hoffnung gerade nicht so recht auf die Beine. Oder sie macht Sperrfüße. Ich weiß es nicht genau, sie kommt mir nur so lahm vor. Früher, vor Corona, da war sie belastbarer, meine ich. Manchmal hat sie auch da schon eine Pause eingelegt, aber ganz bockig war sie nie. Man konnte sie immer noch aus der Reserve locken, mit einem Lied, mit einer Umarmung oder einem „Ich bin doch auch noch da! Wir schaffen das schon.“

Jetzt hat sie die Vorderbeine in den Boden gestemmt und wehrt sich hartnäckig. Und dabei bräuchten wir sie doch! Wir bräuchten sie als Lasttier, das ab und zu eine Ladung Kummer abtransportiert oder als Zugtier, das eisern nach vorn blickt und uns zur Not in den Po zwackt, damit wir weiterlaufen.

Ich habe mir vorgenommen, jetzt mal genau so störrisch zu sein, wie meine Mutter. Wäre doch gelacht, wenn wir unsere Hoffnung nicht wieder flott kriegen! Immerhin ist bald Ostern und normalerweise werden wir Christen nicht müde genau da von ihr zu erzählen. Warum sollte das in diesem Jahr anders sein? Die Umstände mögen sich verändert haben, aber das, was uns durchhalten lässt, ist ja noch dasselbe – das werden Sie in den nächsten Tagen oft genug hören.

Der Trick ist jetzt wahrscheinlich auch: Man muss nur ein bisschen länger dranbleiben. Ich bin mir sicher, dass sie wieder hält, wenn der erste Schreck getrocknet ist. Dann hält sie allem stand, was unser Leben auf den Kopf stellt, dann trägt sie uns unermüdlich weiter und dann stemmt sie ihre Vorderfüße vielleicht noch einmal in den Boden. Aber dieses Mal macht sie Sperrfüße, wenn sie der Mutlosigkeit begegnet. Sicherlich: Unsere Hoffnung wird noch so manchen Dämpfer abkriegen. Ich glaube aber nicht, dass sie kaputt zu kriegen ist.

Beim Kleben ist mir übrigens aufgefallen, dass das eine Eselbeinchen schon mal an der gleichen Stelle gebrochen ist. Irgendwer hat es da schon geflickt. So muss es bei der Hoffnung auch sein: Nicht verzweifeln, reparieren, dranbleiben und freuen, dass sie wieder hält.

In diesem Sinne – bleiben Sie hartnäckig!

Ihre Pfarrerin

P.S: Brauchen Sie ein paar „Ponal-Verse“? Römer 12,12, Psalm 121,1+2 oder  5. Mose 31,8 halten zum Beispiel ganz gut…