Das Schönste

Bild: Benedikt Osiw

Mit dieser Wochenpost ziehe ich blank. Ich sag jetzt einfach frei raus, wie es mir gerade geht. Ich befürchte nämlich – und hoffe gleichzeitig – dass es vielen genauso geht wie mir. Und warum sollen wir dann so tun, als wäre alles in Butter?

In sieben Tagen ist Weihnachten. Meine Kinder freuen sich darauf. Wenn ich gefragt werde, ob ich mich freue, dann muss ich heute ehrlicherweise sagen: geht so. Meine adventliche Vorfreude geht gerade in Krisensitzungen flöten, ich bin froh, aber erschöpft, weil ich meine Geschenke noch vor dem Lockdown beisammen hatte und mein Weihnachtsmenü umfasste in diesem Jahr einen Plan A für ein Essen mit 9 Personen, einen Plan B für ein Essen mit 7 Personen und jetzt wird Plan C greifen, mit Zutaten, die ich für den worst case eingefroren habe, um flexibel zu bleiben.

In das selige Strahlen der gut gelaunten Mutti auf dem Kaufland-Aufsteller kann ich absolut nicht einstimmen. „Das Schönste an Weihnachten: Essen!“

Beneidenswert, wenn es ihr gelingt, ihre fröhliche Familie mit einer Gans zufriedenzustellen. Beneidenswert, wenn eine goldgelbe Kruste genügt, um von einem gelungenen Weihnachtsfest zu sprechen. So einfach kann das Leben sein.

So einfach ist mein Leben an Weihnachten in diesem Jahr nicht. Wer genau hinschaut, der entdeckt sicher auch bei sich selbst, dass sich hinter den Gedanken nach dem Weihnachtsessen, die wirklich großen Fragen der Feiertage verbergen: Wie können und wollen wir Weihnachten auf dem Höhepunkt einer Pandemie feiern? Mit wem und um welchen Preis? Mit einer freiwilligen Selbstisolation in der Vorwoche und 9 Personen – nämlich mit Eltern, Großeltern oder Geschwistern? Oder lieber nur mit 7, nämlich ohne Großeltern, um jedes Risiko zu vermeiden? Oder ganz allein, um gar niemanden in Gefahr zu bringen? Werden wir einen Gottesdienst besuchen oder aus dem Blickwinkel der Gemeindeleitungen betrachtet: Werden wir überhaupt Gottesdienste anbieten? Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich als Pfarrerin an diesen Punkt gelange: Dass ich über einen Heiligen Abend ohne Gottesdienste nachdenke.

Das Schönste an Weihnachten sind für die meisten Erwachsenen nicht die Geschenke. Es sind die vielen Puzzleteile, die aus dem 24. Dezember den emotionalen Glanzpunkt des Jahres machen: Die geschmückten Wohnungen, die auf die Aufnahme unzähliger Gäste warten. Die festlichen Gottesdienste, die man vielleicht nur einmal im Jahr, dann aber mit Inbrunst und einem wohligen Gefühl der Vertrautheit besucht. Das Abendessen mit drei oder vier Generationen und den obligatorischen Streitthemen. Der ewige Clinch darüber, ob vor oder nach der Bescherung gegessen wird. Und zu guter Letzt das „O du fröhliche“ in der Christmette und der Glühwein auf dem Heimweg. Das zusammen ist das Schönste an Weihnachten. Und das Schönste an Weihnachten steht in diesem Jahr auf der Kippe. Alles: Die vielen Besuche und die Familienfeiern, die Gottesdienste und all die Traditionen, die Weihnachten erst zu Weihnachten machen.

Mich treibt das seit Tagen um. Das Gefühl, dass ich im worst case nicht nur mein Stück Kasseler auftauen, sondern mir auch noch ein neues „Das Schönste an Weihnachten“ austüfteln muss. Und dann sitze ich da und bin etwas ratlos. Ratlos, dass es nun doch so gekommen ist und ratlos, weil ich noch immer nicht genau weiß, was ich jetzt hier als „das Schönste“ hinschreiben soll.

Und genau in diesem Moment ist gerade ein vorgezogenes Weihnachtswunder geschehen. Sie sind also quasi live dabei, während dieser Text in Echtzeit entsteht. Solange ich hier überlege, wie ich die Schlusskurve nehme, läuft vor der Tür unsere Tochter vorbei. Ich sitze gerade im Arbeitszimmer mit großen Kopfhörern, die mit active noise cancelling ausgestattet sind. Sie filtern die Hintergrundgeräusche des Alltags heraus, wenn ich mich konzentrieren muss. Konkret heißt das: Ich höre das bunte Treiben meiner Kinder nicht mehr und kann arbeiten. Umso erstaunter bin ich, dass ich nun trotzdem höre, was sie auf dem Weg ins Kinderzimmer zum Besten gibt. Es ist also ziemlich laut. Mit dem Ehrgeiz eines Stadiongesangs beschallt sie unser Haus:

„Eingang und Ausgang, Anfang und Ende, liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.“

 

Mehrfach erklingt diese Fanfare und als sie auch noch den kleinen Bruder zum Mitsingen animiert, kapitulieren meine Kopfhörer endgültig. Immer wieder grölen unsere Kinder dieses Lied, nicht nur heute. Sie singen es, weil Jens Keil es ihnen im Kindergarten beigebracht hat. Und sie haben nicht nur die Melodie gelernt, sondern auch erzählt bekommen, was es heißt, dass Anfang und Ende bei Gott liegen und dass er uns die Hände füllt. Nämlich, dass es uns grundsätzlich an nichts fehlt und dass wir zur rechten Zeit das bekommen, was wir für Leib und Seele brauchen.

Und da fährt es mir schlagartig ins Herz und ich weiß, was das Schönste an Weihnachten ist: Wir feiern ein Fest, bei dem wir diese Erkenntnis nicht nur hören, sondern mit den Händen begreifen. Gott füllt uns die Arme mit einem neugeborenen Jungen und der unvorstellbaren Zuneigung zu uns Menschen. Das ist der Anfang, dieser Liebesbeweis. Und der liegt bei ihm. Damit füllt er auch jetzt gerade mein Herz, so als hätte er in diesem Moment das Christkindlein selbst hineingelegt. So, als würde er sagen: Was wollen sie dir denn nehmen? Da hast du doch alles, was du brauchst. So einfach kann das Leben sein.

In diesem Sinne – erfüllte Weihnachten!

Ihre Pfarrerin Isaella Bigl