Bloody hell!

So, gegen Sommerende gibt es heute mal was richtig schön Leichtes: Hölle. Ein flauschiges Thema für zwischendurch. Sie meinen, die Hölle gibt´s schon lang nicht mehr? Dachte ich auch, aber von wegen! Fragen Sie mal die Württembergische Landeskirche. Die hat sie mir erst neulich um die Ohren gehauen. Ich habe einen Artikel gesucht, der eigentlich auf der Kirchen-Homepage hätte stehen müssen und – zack! – lachte mir ein fröhliches „Bloody hell!“ entgegen. Ich übertrage das an dieser Stelle nicht ins Deutsche. Sie können sich bestimmt denken, dass das ein derber Kraftausdruck ist. Warum gerade diese Fehlermeldung auf der Homepage der Landeskirche erscheint, ist mir ein Rätsel, aber sie hat mir ein Thema aufgedrängt, dass ich sonst gern umschiffe.

 

Die Hölle isch net so meins. Aber da bin ich in guter Gesellschaft. Seit der Aufklärung hat sie weltweit an Einfluss verloren. Vorher war sie fester Bestandteil aller Religionen. Von der Hölle war die Rede, wenn man einen besonders üblen Ort beschreiben wollte. Die Hölle, das war der Platz für alle, die wieder und wieder gegen die Regeln der Gemeinschaft verstoßen hatten. Sie war die angedrohte Endstation für alle, die hartnäckig anderer Meinung waren. Denen rückte man mit der Vorstellung von verschiedenen Plagen zu Leibe und drohte ihnen einen Raum der absoluten Gottesferne an. Im Alten Testament ist diese Gegenwelt zu Himmel und Erde nicht mit körperlichen Qualen verbunden, sondern mit dem genauen Gegenteil: mit nichts. Im Totenreich des Alten Testaments ist es vollkommen trostlos und still; niemand spricht mit dem anderen.

 

Das ist fast schon modern. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich eine Vorstellung entwickelt, die dieser Beschreibung ziemlich ähnlich ist. Nach und nach verpufften die bildhaften Höllenerzählungen – das Feuergeprassel verstummte, der Schwefeldampf verflog und die Pforten der Hölle schlossen sich. Als richtig echten Ort stellen wir uns die Hölle also schon lange nicht mehr vor. Aber in einem Punkt hat die Landeskirche recht: Es gibt sie noch. Nur anders. Oder besser gesagt in den anderen. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre lässt sein Drama „Geschlossene Gesellschaft“ in einem einzigen Satz gipfeln: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Drei Menschen landen nach ihrem Tod an einem unbekannten Ort und machen sich dort das Leben sprichwörtlich zur Hölle. Sie können nicht voreinander weglaufen und nicht einmal die Aussicht auf einen erlösenden Tod haben die drei – sie sind ja schon gestorben. So bleibt ihnen nur die Auseinandersetzung und die erschütternde Einsicht: „Die Hölle, das sind die anderen.“

 

Nach einer Welle der Geschwisterlichkeit im Lockdown beschleicht mich an manchen Tagen nun auch dieses Gefühl: Dass die eigentliche Last die anderen sind. Die anderen, die in meinen Augen alles falsch machen oder spinnen. Die, die nie lernen werden, ihre Maske ordentlich aufzusetzen! Oder die, die so dumm sind, ihr Heil hinter einem Stück Stoff zu suchen… Diejenigen, die sich von der Politik echt alles bieten lassen! Oder all jene, die mit ihren sinnlosen Demos Menschenleben riskieren… Man kann es drehen und wenden, wie man will: Über die anderen kann man sich momentan hervorragend aufregen!

In dieser Ausnahmesituation geht es schnell, dass mir andere Menschen fremd werden. Irgendwann im Frühjahr hat das begonnen, dass ich meine Mitmenschen oft nicht mehr als Person, sondern als potentielle Bedrohung wahrnehme: Sei es als Keimschleuder oder als Verbreiter seltsamer Ansichten. Wo das passiert, hören Menschen auf, miteinander zu reden. Und wenn sie es tun, dann übereinander und nicht mehr miteinander.

 

Schon Paulus hat auf seinen Reisen erlebt, wie schnell Menschen einander für unterschiedliche Meinungen verurteilen. Sein Gegenmittel war dann immer: Redet miteinander. Lasst nicht zu, dass äußere Eindrücke euren Umgang miteinander bestimmen. Versucht, den anderen zu verstehen. Einer seiner Schüler hat ihm folgenden Ratschlag in den Mund gelegt:

„Führt euer Leben so, dass es dem entspricht, wozu Gott euch berufen hat: voller Demut, Freundlichkeit und Geduld. Ertragt euch gegenseitig in Liebe. Bemüht euch darum, die Einheit zu bewahren, die sein Geist euch geschenkt hat. Der Friede ist das Band, das dabei alles zusammenhält.“ (Eph 4,1b-3)

 

Dieser Tipp könnte uns selbst heute noch weiterhelfen. Wenn ich einem Mitmenschen, der ganz anders denkt als ich, mit Demut begegne, dann heißt das für mich: Ich mache meine Meinung nicht zum alleinigen Maßstab der Welt. Mit Geduld und Freundlichkeit überlege ich dann immer wieder, was hinter seinem Verhalten stecken könnte, warum er so denkt und handelt, wie er es tut. Und dass er anders tickt als ich, das muss ich dann wohl oder übel „in Liebe“ ertragen. Das heißt für mich, dass ich seine Ansicht nicht unbedingt teile, aber dass es mir auch weiterhin gelingt, das Verhalten von der Person zu trennen – und weiterhin einen liebenswürdigen Menschen zu sehen. Was mir dabei hilft, ist das Wissen: Der Friede Gottes, hält uns alle zusammen – auch dann, wenn es unsere Meinungen nicht mehr tun. So gelingt es uns als Gemeinschaft leichter, Kompromisse zu finden, Mittelwege zu gehen und der Hölle auch ein zweites Mal den Garaus zu machen. Weil es unter uns dann keinen Platz der absoluten Gottesferne mehr gibt und wir immer noch miteinander reden.

 

In diesem Sinne – (v)ertragen wir uns!

Ihre Pfarrerin

Isabella Bigl

 

Text: Pfarrerin Isabella Bigl / Kirchgasse 15 / 71686 Remseck // Bilder: privat