Auferstehung live!

Auferstehung im Biomüll! Pfarrerin verbreitet die Nachricht über WhatsApp! Er fliegt wieder! So klingt Ostern 2021. Und das ist mir gestern echt passiert. Eine Auferstehung im Biomüll.

Am Vormittag habe ich in unserem Kofferraum einen Marienkäfer entdeckt. Einen, der offenbar dort verstorben ist. Ich habe versucht, ihn hinaus zu bugsieren, habe ihn aber nicht richtig erwischt. „Naja, isch jetzt au wurscht.“ dachte ich und habe ihn vorerst dort gelassen. Nach meinem Einkauf muss er dann am Boden der Klappbox festgeklebt sein. Und die landete mit einem Rummser auf der Arbeitsfläche in der Küche. Dass er dabei nicht zerquetscht wurde, ist das erste Wunder. Ich fing an, zu kochen und war im Stress. Deshalb kümmerte ich mich nicht weiter um das Tierlein, das ich am Ende der Arbeitsplatte wiederentdeckte. Es war der aus dem Auto. Das erkannte ich am heraushängenden Flügel. Ich ließ ihn dort liegen, weil wie gesagt: Stress. Den Käfer würde ich später in den Garten schnippen. Hier störte er gerade nicht. Er kam ja sowieso nicht mehr vom Fleck.

Wie immer unter Zeitdruck beim Kochen brach dann meine schlechte Angewohnheit durch: Der anfallende Biomüll landete einfach in einem Haufen auf der Arbeitsfläche. Den räum ich immer erst am Ende weg. Und zwischen Händewaschen auf der einen Küchenseite und Abtrocknen auf der anderen spritzten dann die ein oder anderen Tropfen über den Biomüll und scheinbar auch über den Marienkäfer. Zumindest kroch er mir plötzlich in einen Wassertropfen eingebettet entgegen. Ich dachte, ich kipp aus den Latschen! Ich war so aus dem Häuschen, dass ich ihn grad dort ließ, bis mein Mann und meine Kinder nach Hause kamen.

Mein Mann übernahm prompt die Rolle des Skeptikers und ich hörte Worte wie totgestellt und Schockstarre, durfte mir anhören, dass Käfer so was nun mal tun, vor allem bei Kälte. Ja, liebe Biolehrer und anderweitig Gebildete, das ist mir durchaus bewusst. Ich war nur noch immer so entzückt von der unerwarteten Lebensregung, dass ich davon nichts hören wollte: Wie oft hatte ich den Käfer vorher hin- und hergeschoben! Ohne das kleinste Zucken. Wie lange hatte er da in der Küche und im Auto gelegen – beides Mal in der Sonne – ebenfalls völlig reglos! Und plötzlich krabbelte er in der Wasserspur schnurstracks auf die Karottenschale zu und wurde immer schneller.

Auf meine Kinder war Verlass. Sie fielen in meinen Jubel ein und führten Freudentänze in der Küche auf. Alles gipfelte darin, dass unsere Tochter den flügellahmen Kerl in den Garten trug und ihn mit einem Schrei verabschiedete: „Mama, er fliegt wieder!“

Am Wochenende ist Ostern. Das kann kein Zufall sein. Genau diese Begegnung habe ich gebraucht, damit ich auch in diesem Jahr Ostern feiern und von Herzen daran glauben kann. Was für uns Christen an Ostern geschehen ist, haben Sie alle schon gehört. Ich auch. Begriffen habe ich es immer noch nicht und werde es mit Sicherheit auch nie ganz verstehen. Aber die wenigen Minuten mit dem Marienkäfer gestern haben mir ein tiefes Ostergefühl vermittelt. Nichts anderes hat das bisher so geschafft.

Ich habe mich selbst in dem kleinen Tier gesehen: Kraftlos und in der Schockstarre. Das vergangene Jahr hat an mir gezehrt. In meiner letzten Osterpredigt war ich ganz sicher: „Das Leben siegt wieder. Selbst jetzt noch!“ Die Monate danach haben ihren Preis gefordert. Ich will immer noch an diese Hoffnung glauben, aber es ist mir schwerer geworden. Weil ich oft gesehen habe, dass sich selbst das Leben manchmal richtig schwertut. Dass eben nicht alles mit einem Fingerschnipp wieder gut wird. Es gab Momente, in denen ich verzweifelt war, weil ich das Gefühl hatte: Es wird überhaupt nicht besser oder zumindest anders. Mir hat die Perspektive gefehlt und das hat mich manchmal flügellahm gemacht.

Wie es den Menschen in Psalm 107,5 geht, das konnte ich wirklich nachempfinden:

Sie waren hungrig und durstig, ihre Lebenskraft schwand dahin. Da riefen sie zum HERRN in ihrer Not und er riss sie aus ihrer Verzweiflung.

Und das soll jetzt meine Osterhoffnung sein: Dass es wirklich etwas bringt, mitten in der Verzweiflung an Gott festzuhalten. Zu spüren, dass Hunger und Durst dazugehören und wieder andere Zeiten kommen. Zu spüren, was mir fehlt: Umarmungen, Belanglosigkeiten, wie ein Stadtbummel, oder lauthals mit anderen zu singen. Das alles und noch mehr vermisse ich. Und das weiß Gott. Er muss sich anhören, was mir die Lebenskraft raubt. Er muss es sich die ganze Zeit anhören, weil ich weiß, dass nur er mich aus der Not reißen kann.

Ostern ist für mich der Wassertropfen, in dem ich mich wieder bewegen kann. Ich werde nicht gleich wieder ganz gelenkig, aber es reicht für die nächsten Schritte. Ich glaube, dass Jesus Christus auferstanden ist, auch ohne es zu verstehen. Das ist die Perspektive, die mir bleibt. Das Wissen, dass es für mich nach wie vor stimmt: Das Leben siegt! Und dazu gehört die Erfahrung: Auch das Todesdunkel gehört dazu. Es gehört dazu, aber nur für eine Zeit. Die Schockstarre vergeht und das neue Leben und neue Wege warten auf mich. Wenn es das Osterfest in diesem Jahr schafft, mir dieser eine Wassertropfen zu sein, dann kann ich irgendwann auch wieder fliegen.

In diesem Sinne – bewegliche Ostern!

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl