Zum Palmsonntag: Zukunftsmusik

In meiner Familie wird folgende Geschichte überliefert: Ein strohblondes Mädchen, noch keine zwei Jahre alt, thront im Kindersitz vorn am Fahrradlenker des Vaters. In der Hand hält es eine Tüte mit Sonnenblumenkernen, vespert genüsslich daraus und grölt nebenbei aus voller Kehle: „Du-den Mor-den, lie-be Sor-den, au sson da! Dud de-slafen? Al-les laaaar!“

Das Kind – so meine Eltern – war ich und das Lied sollte der damalige Ulk-Hit „Guten Morgen, liebe Sorgen!“ von Jürgen von der Lippe sein. Den hatte ich irgendwo aufgeschnappt und gab ihn nun ununterbrochen zum Besten. Ich tat das offensichtlich wie jedes kleine Kind: Laut und ungeniert, nicht ganz astrein in Text und Ton, aber mit Inbrunst.

So ist das, wenn Kinder singen und dabei alles um sich herum vergessen.

Und jetzt stellen Sie sich einmal Folgendes vor: Als Jesus in Jerusalem einzieht, lässt Matthäus einen Tempelchor auftreten, der nur aus solchen Dreikäsehochs besteht. Die Geschichte beginnt, wie wir sie kennen: Jesus reitet auf einem Esel in die Stadt und die Menschen jubeln ihm zu. Bei aller Begeisterung stelle ich mir das reichlich erwachsen vor. Vielleicht rempeln ein paar Schaulustige ihre Nachbarn an, aber im Großen und Ganzen wird es wohl keine Ekstase gewesen sein.

Ganz andere Szenen spielen sich jedoch ab, als Jesus in den Tempelhof kommt. Ihre feinen Antennen für das Besondere locken die Kinder sofort an. Wahrscheinlich ist so mancher Knirps seinen Eltern unbemerkt ausgebüxt und zu Jesus gerannt. Da war was los! Matthäus erzählt, dass die Kinder im Tempel Jesus frenetisch begrüßt und gefeiert haben. Sie haben nicht gejubelt, sondern das Hosianna „geschrien“!

Krázomai steht da im griechischen Text. Lesen Sie dieses Wort einmal laut und betonen Sie es vorne – krázomai. „Schreien“ ist schon eine entschärfte Übersetzung. Wörtlich könnte da sogar stehen: Sie brüllten wie wahnsinnig:

Hosianna dem Sohn Davids!“ Laut und ungeniert, nicht ganz astrein, aber voller Inbrunst und sicher im Text! Ich habe das Gefühl, in den letzten Wochen ist uns der Jubel oft im Hals stecken geblieben. „Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da?“ Ja, das sind sie.

Die Passionszeit haben wir voll ausgekostet – oft genug war es ja auch zum Schreien, die Tage voller Sorgen und Unsicherheit. Da ist es schwer, hoffnungsvoll zu bleiben.Aber selbst so eine Zeit wird einmal zu Ende sein. Das ist die Botschaft des heutigen Tages. Freilich, die Karwoche liegt noch vor uns, aber das Jubelgeschrei der Kinder wird uns in ihr begleiten. Laut genug ist es! Dann kann der Karfreitag getrost kommen, weil wir wissen: Da kommt noch was.

Mir persönlich reicht diese Aussicht. In diesem Jahr mehr denn je. Sie genügt mir, um heute in den Jubel der Kinder einzustimmen. Ich singe nicht mehr meine Sorgen wach, sondern für den Rest Hoffnung im Herzen. Noch etwas kratzig und reichlich aus der Übung, aber ich bin mir sicher: Die Freude darüber, dass Jesus Christus kommt, wird mit jedem Tag wieder lauter, bis ich am Ende auch für einen Moment alles um mich herum vergesse.

14 Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie.
15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich
16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen
(Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?
17 Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Ihre Pfarrerin Isabella Bigl