Salbung in Bethanien

Jerusalem eingekehrt. Es ist nochmal ein Rückzugsort, bevor er sich ins Getümmel des Passahfestes begibt und seinen Weg vollendet. Marta hat ein Festessen vorbereitet und trägt das Essen auf. Lazarus und die Jünger leisten ihm Gesellschaft. Maria ist kurzzeitig verschwunden. Dann kommt sie zurück mit einer Flasche wunderbar duftenden Öls. Sie bricht den Verschluss auf und lässt das Öl über Jesu Füße fließen. Sie massiert es ein und trocknet den letzten Rest mit ihren Haaren ab. Es ist still im Raum angesichts dieser ungeschützten Liebesbezeugung. Unerträglich still. Bis einer der Jünger dazwischen fährt und ruft: Das ist doch Verschwendung. Wir sollten das Geld den Armen geben.

Aber Jesus antwortet: Lass sie diesen Liebesdienst tun. Es ist die vorweggenommene Salbung zu meinem Begräbnis.

Die drei Geschwister schenken Jesus Geborgenheit. Er wird genährt und gestärkt für seinen Weg.

Wie sehr brauchen wir solche Nähe und Berührung. Und jetzt ist sie nicht möglich. Kein Treffen in vertrauter Runde, kein gemeinsames Essen und miteinander Reden am Tisch. Abstand halten als Liebesdienst.

Ich denke heute an all die Menschen, die in diesen Tagen krank sind oder allein oder getrennt von ihren Lieben. Es schmerzt, dass Krankenbesuche, Besuche in Pflegeheimen oder anderen diakonischen Einrichtungen gerade nicht erlaubt sind. Demente Menschen oder Menschen mit einer geistigen Einschränkung verstehen nur schwer, warum ihre Angehörigen gerade nicht kommen dürfen. Andere liegen auf den Isolierstationen der Krankenhäuser, sterben womöglich unbemerkt.

Bei manchen sind die Angehörigen in der ganzen Welt verstreut. Man hofft und bangt umeinander. Wenigstens kann man elektronisch in Verbindung bleiben. Und wie viele sitzen allein in ihren Wohnungen oder Häusern? Gemeinsame Treffpunkte in Kirchen und Vereinen sind nicht möglich.

Ich danke von Herzen allen, die im medizinischen Bereich tätig sind und jetzt auch viel mitmenschliche Nähe bringen müssen, weil die Angehörigen es nicht tun dürfen. Es ist gut, sich das bewusst zu machen, was ein freundliches Wort oder eine freundliche Geste bewirken können.

Zugleich möchte ich Ihnen, den Leserinnen und Lesern, ein Gebet von Anne Höfler weitergeben aus der Praxis des Handauflegens.

Möge die göttliche heilende Kraft durch uns fließen –
uns reinigen, stärken und heilen,
uns erfüllen mit Liebe, heilender Wärme und Licht,
uns schützen und führen auf unserem Weg.
Wir danken dafür, dass dies geschieht.

Ich habe dieses Gebet vor zwei Jahren kennengelernt. Wir sollten es damals schon auf dem Seminar auswendig lernen, damit wir es beim Handauflegen frei sprechen konnten. Seither spreche ich es jeden Abend. Anne Höfler sagt, dass es bewusst in der Wir-Form formuliert ist. Wir sind nicht allein mit unseren Sorgen und Krankheiten, mit unserer Einsamkeit, sondern wir sind miteinander verbunden. Wir können dieses Gebet sprechen für uns und für unsere Lieben. Wir können spüren, wie Gottes Liebe durch uns fließt und uns miteinander verbindet. Es geht nicht blauäugig um Heilung, wo kein Gesundwerden möglich ist. Es geht um das Vertrauen, dass Gott in uns und in unserer Welt wirkt.

Maria hat Jesus gesalbt für seinen Weg. Marta hat ihm zu Essen gegeben. Lazarus hat ihm Gesellschaft geleistet. Liebe hat viele Ausdrucksformen. Lassen wir unsere Fantasie spielen und finden wir unsere eigenen Möglichkeiten, die jetzt möglich sind. Und beten wir miteinander und füreinander.

Ihre Pfarrerin Irmtraut Aebert, Hochdorf