Ostersonntag: Christ ist wahrhaftig auferstanden

Ich schreibe diese Zeiten vier Wochen vor Ostern. Die Schulen sind geschlossen. Seit dem vergangenen Wochenende gilt die Kontaktsperre. Man befürchtet „italienische Verhältnisse“: Intensivstationen brechen zusammen. Ärzte müssen über Leben und Tod entscheiden. Armeetransporter fahren durch die Nacht und bringen die Toten in die Krematorien.

Die apokalyptischen Bilder machen es schwer zu glauben, dass es Ostern werden könnte. Keine Osternacht. Kein „Christ ist erstanden“ in der morgensonnendurchflutenten Kirche. Kein Osterfrühstück. Kein Festgottesdienst am Ostersonntag mit Taufe, Projektchor, Kinderkirche – oder wie auch immer in Ihrem Pfarrbezirk das Auferstehungsfest üblicherweise gefeiert wird. Kein Eiersuchen der Enkel mit den Großeltern im Garten.

Es ist, als ob Ostern allem beraubt wird, was Ostern ausmacht – aller Tradition, allem Ritus, aller Gewohnheit und aller Volkstümlichkeit. Zurück bleibt nur sein Kern: „Christ ist erstanden.“ Der Tod konnte ihn nicht halten. Jesus Christus spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Joh. 11,25f)

Leere Worte? Schal angesichts der Wirklichkeit? Das mag sich zunächst so anfühlen. Auf der anderen Seite hat dieser Glaube Christinnen und Christen durch die Jahrtausende hindurch getragen, in Kriegs- und Pestzeiten, in Zeiten von Hunger und Unterdrückung, im Sterben wie im Leben. Und leuchtete in finstersten Zeiten der Auferstehungsglaube nicht besonders hell?

Es ist möglich, dass die bequemen Zeiten uns der kraftvollen Oster-Worte beraubt haben und wir sie dieser Tage neu finden müssen. Aber wir müssen nicht lange suchen. Der Liederdichter Paul Gerhard vermag sie uns zu schenken, mit Liedern, mit denen er kämpferisch gegen die Dunkelheit seiner Welt angedichtet hat, gegen den 30jährigen Krieg, die Pest und den Tod von vier seiner fünf Kinder.

Die Höll und ihre Rotten / die krümmen mir kein Haar; / der Sünden kann ich spotten, / bleib allzeit ohn Gefahr. / Der Tod mit seiner Macht / wird nichts bei mir geacht': / er bleibt ein totes Bild, / und wär er noch so wild.“ (Aus: Auf, auf, mein Herz, mit Freuden, EG 112).

Ja – es ist schwer vorstellbar, dass wir dieses Jahr Ostern feiern können. Genauso schwer vorstellbar war es aber auch für die Frauen, die am Ostersonntag zum Grab kamen, um Jesus zu waschen und zu salben. Genauso schwer vorstellbar war es für Petrus und die Jünger, die so schmählich und auf ganzer Linie versagt hatten, feige und zweifelnd. Genauso schwer vorstellbar ist es immer, wenn wir vor dem Grab eines uns lieben und vertrauten Menschen stehen.

Liebe Leserinnen und lieber Leser – vielleicht feiern wir dieses Jahr Ostern zum ersten Mal richtig, beraubt - befreit? - von allen irdischen Beigaben und aller menschlichen Vorstellungskraft, von allen Accessoires und allem Chichi. So wie das Licht in der Dunkelheit am hellsten erscheint, so kann dieses Jahr das Oster-Wunder in seinem ursprünglichen Ausmaß voll Geltung kommen:

Christ ist erstanden.“ „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!“ (1. Korinther 15,55 + 57).

Liebe Schwestern und Brüder, in diesen Tagen ist es schwer vorauszusagen, was in vier Wochen sein wird. Aber wir werden auch dieses Jahr ganz sicher unseren Glauben an den Sieg des Lebens über den Tod feiern – so

wie wir es in allen Zeiten getan haben. Und möge dieser Glaube auch Ihr Herz erreichen.

„Frohe Ostern“, wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Jens Keil, Aldingen