Der christliche Glaube - ein (leeres) Versprechen?

„There’s a crack in everything,
That’s how the light gets in“.

Wer kennt es nicht, das „Hallelujah” von Leonard Cohen? Tausend Versionen gibt es davon, seit neuestem sogar Corona-Versionen. Aber der genialste, spannungsvollste, schönste Satz des 2014 gestorbenen kanadischen Liedermachers steht nicht in „Hallelujah“ sondern in seinem Lied „Anthem“ („Hymne“). Ein Satz für die Ewigkeit: „There’s a crack in everything, that’s how the light gets in“. Übersetzt: „In allem hat es einen Riss. So kommt das Licht herein.“

Seit vier Jahren lässt mich dieser Satz nicht mehr los. Ein Satz, tief wie der Marianengraben und strahlend wie ein Regenbogen. Da ist ein Riss in allem. Wer mag da widersprechen? Corona ist ein gewaltiger Riss, der die ganze Welt durchzieht. Aber auch ohne Corona ist unser Leben von Rissen durchzogen: Ängste, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Schmerz, Armut, Flucht, Krieg, Trauer, Streit. Es ist ein Riss in allem. Aus diesem Riss heraus gibt Leonard Cohen ein Versprechen: So kommt das Licht herein. Aber ist das nicht Wahnsinn? Kann man ernsthaft behaupten, dass durch jeden Riss Licht hereinfällt? Kann man ernsthaft behaupten, dass durch jede Katastrophe, jedes Drama, jeden Mist auch etwas Gutes geschieht?

Was für ein Versprechen: That’s how the light gets in? Vier Jahre denke ich über dieses Versprechen nach. Immer wieder verknüpft es sich mit neuen Szenarien: ein junger Mensch mit Krebs, eine gescheiterte Ehe, der Klimawandel und jetzt das Corona Virus. Manchmal möchte man eher Cohens letztem verzweifelten Psalm zustimmen: You want it darker – Du, Gott, willst es dunkler. Ist es doch nur ein leeres Versprechen oder eine unendlich tiefe Wahrheit, dieses „that’s how the light gets in“ – So kommt das Licht herein?

Und wie ist das mit unserem Glauben? Mit Jesus? Leeres Versprechen, Opium fürs Volk oder tiefe, heilsame Wahrheit?

 

Für mich beginnt der größte Riss der Geschichte ganz unscheinbar in einem Stall in Bethlehem. Der Himmel öffnet sich, Gott wird Mensch, „Er äußert sich all seiner G‘walt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt…“ (aus „Lobt Gott ihr Christen alle gleich“). Dieser Riss weitet sich und endet auf dem Kreuz von Golgatha. Jesu Leben und sein Tod am Kreuz durchzieht die Weltgeschichte wie ein furchtbarer Riss. An Karfreitag war es nur ein Riss ohne Hoffnung, ohne Licht. Aber am dritten Tag ist Jesus auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. That’s how the light gets in – so kommt das Licht in die Welt! Am Kreuz ist Jesus hinabgestiegen in die Tiefen des Schmerzes und der Verzweiflung. ER hat durchlitten, was Menschen durchleiden. Aber am dritten Tag war das Grab leer. Das Licht der Auferstehung, das Licht des Lebens, der Gnade, der Liebe strahlt seit dem ersten Ostermorgen durch die Welt. Auch wenn dieses Jahr keine Ostergottesdienste gefeiert werden, strahlt das Osterlicht auf die Welt. That’s how the light gets in. Jesus lebt!

Paul Gerhard dichtete sein Osterlied im 30 jährigen Krieg, bedroht von Hunger und Pest:

Auf, auf, mein Herz, mit Freuden
nimm wahr, was heut geschicht;
wie kommt nach großem Leiden
nun ein so großes Licht!

Leonard Cohen, ein Abkomme des biblischen Aarons, gab in Tel Aviv vor 50.000 Zuschauern ein Benefiz- und Friedenskonzert für Juden und Palästinenser. Als das letzte Lied verklungen war hob er seine Hände in den Himmel und sprach den Segen, den ich Ihnen zuspreche, den Segen Aarons:

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden!

 

Ihr Pfarrer Achim Dürr, Neckargröningen & Aldingen Nord